Deutschland verändert sich – wer übernimmt die Verantwortung?
Migration verändert ein Land über Jahrzehnte. Wer über Zuwanderung entscheidet, muss deshalb auch über Schulen, Sprache, Wohnraum und gesellschaftlichen Zusammenhalt Rechenschaft ablegen. Ein freundliches „Wir schaffen das“ ersetzt keine langfristige Planung.
Das Institute for Remigration (IFR) berechnet für Deutschland einen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund von über 50 Prozent im Jahr 2045. Das ist eine bedingte Modellrechnung, keine gesicherte Vorhersage. Die im Dashboard genannten 32 Prozent für 2026 sind ebenfalls ein Modellwert und dürfen nicht als aktuelle amtliche Messung ausgegeben werden. Dennoch stellt das Szenario eine berechtigte politische Frage: Welche langfristige Entwicklung will die Bundesregierung erreichen – und welche Belastungen können die Kommunen tatsächlich bewältigen?
Für manche Stadtteile liegt eine Mehrheit mit Migrationshintergrund längst nicht mehr in ferner Zukunft. Ende 2025 betrug ihr Anteil in Köln-Finkenberg 87,1 Prozent, in Gremberghoven 77,4 Prozent. Für Duisburg-Hochfeld weist ein kommunal veröffentlichter Bericht zum Jahresende 2023 einen Anteil von 81,5 Prozent aus, für Marxloh 80,5 Prozent. Solche Größenordnungen verdienen eine offene Debatte über die Entwicklung ganzer Wohnviertel.
„Spricht hier jemand Deutsch?“ ist eine zugespitzte Frage nach dem Alltag in solchen Vierteln. Statistisch lässt sie sich aus diesen Anteilen allerdings nicht beantworten: Migrationshintergrund bedeutet weder ausländische Staatsangehörigkeit noch fehlende Deutschkenntnisse. Viele Betroffene sind deutsche Staatsbürger. Wer Sprachprobleme politisch ernst nimmt, muss tatsächliche Sprachkenntnisse erfassen, statt Herkunft als Ersatzmessung zu verwenden.
Gerade deshalb sollte Politik konkret werden: Wie viele Kinder benötigen zusätzliche Sprachförderung? Können Schulen diese leisten? Reichen Wohnungen, Personal und kommunale Mittel? Und wie wird verhindert, dass sich Wohnviertel entwickeln, in denen Menschen dauerhaft nebeneinander leben, aber kaum miteinander sprechen? Integration braucht eine gemeinsame Sprache, verbindliche Regeln und die Bereitschaft der Zugewanderten, sich einzubringen. Dafür muss der Staat klare Anforderungen und funktionierende Angebote schaffen.
Auch die IFR-Rechnung verdient kritische Prüfung. Das Institut verfolgt ausdrücklich das politische Ziel, eine Mehrheit der von ihm als einheimisch bezeichneten Bevölkerung zu erhalten. Sein Modell schreibt überwiegend die durchschnittlichen Wanderungsbewegungen von 2015 bis 2024 fort, hält Geburten- und Sterberaten konstant und ordnet Neugeborene dauerhaft der Gruppe ihrer Mutter zu. Assimilation und spätere Gruppenwechsel werden nicht modelliert. Dadurch kann die Zuordnung über Generationen hinausreichen, die amtliche Statistiken später anders erfassen würden. Die Jahreszahl 2045 hängt wesentlich von diesen Annahmen ab.
Die politische Verantwortung bleibt trotzdem bestehen: Zuwanderung muss gesteuert und an überprüfbaren Kapazitäten ausgerichtet werden. Familienpolitik, Sprachförderung, Wohnungsbau und die Vermeidung dauerhaft abgeschotteter Milieus gehören zusammen. Bürger haben Anspruch auf nachvollziehbare Ziele und messbare Ergebnisse. Wer tiefgreifende Veränderungen gestaltet, muss erklären können, wie daraus ein funktionierendes Gemeinwesen werden soll.
Tabelle 1: Bevölkerungsentwicklung in Deutschland
Veröffentlichte Mikrozensuswerte zum Migrationshintergrund; gerundete Angaben.
| Jahr | Menschen mit Migrationshintergrund | Anteil |
|---|---|---|
| 2020 | 21,9 Millionen | 26,7 % |
| 2023 | 24,9 Millionen | 29,7 % |
| 2024 | 25,2 Millionen | 30,4 % |
Quellen: BAMF, Migrationsberichte 2020, 2023 und 2024. Die Reihe ist nur eingeschränkt direkt vergleichbar, insbesondere wegen der Umstellung der Bevölkerungsgrundlage auf den Zensus 2022 bei den Ergebnissen für 2024. Sie ist keine jährliche Prognose.
Tabelle 2: Stadtteile mit hohen Anteilen
| Stadtteil | Datenstand | Mit Migrationshintergrund | Ohne Migrationshintergrund* |
|---|---|---|---|
| Köln-Finkenberg | 31.12.2025 | 87,1 % | 12,9 % |
| Köln-Gremberghoven | 31.12.2025 | 77,4 % | 22,6 % |
| Köln-Porz, Stadtteil | 31.12.2025 | 58,5 % | 41,5 % |
| Duisburg-Hochfeld | 31.12.2023 | 81,5 % | 18,5 % |
| Duisburg-Marxloh | 31.12.2023 | 80,5 % | 19,5 % |
Eigene Berechnung als Ergänzung auf 100 Prozent. Kommunale Definitionen sind nicht vollständig identisch; die Werte sagen nichts unmittelbar über Deutschkenntnisse aus.
Tabelle 3: Warum „Migrationshintergrund“ und „Ausländer“ auseinanderzuhalten sind
| Beispiel | Kennzahl | Anteil |
|---|---|---|
| Frankfurt, Ende 2024 | Ausländische Staatsangehörigkeit | 32,0 % |
| Frankfurt, Ende 2024 | Deutsche Staatsangehörigkeit* | 68,0 % |
| Köln, Stadtbezirk Porz, Ende 2025 | Ausländische Staatsangehörigkeit | 23 % |
| Köln, Stadtbezirk Porz, Ende 2025 | Deutsche mit Migrationshintergrund | 27 % |
| Köln, Stadtbezirk Porz, Ende 2025 | Deutsche ohne Migrationshintergrund | 50 % |
Frankfurter deutscher Anteil als Ergänzung auf 100 Prozent berechnet; Kölner Angaben gerundet. Eine Mehrheit mit Migrationshintergrund bedeutet also nicht automatisch eine Mehrheit ohne deutschen Pass.
Tabelle 4: Deutschland im IFR-Szenario
| Zeitpunkt | Modellierter Anteil mit Migrationshintergrund | Einordnung |
|---|---|---|
| 2026 | 32,0 % | IFR-Modellwert |
| 2045 | über 50 % | Ergebnis bei Fortführung der Modellannahmen |
Die genannten Schwellenjahre anderer Länder sind wegen unterschiedlicher nationaler Bevölkerungsdefinitionen nur eingeschränkt miteinander vergleichbar.
Quellen
- IFR: Deutschland-Szenario
- IFR: Methodik und Annahmen
- BAMF: Migrationsbericht 2020
- Bundesregierung: Migrationsbericht 2023
- Bundesregierung: Migrationsbericht 2024
- Stadt Köln: Strukturdaten Porz
- Stadt Duisburg: Abschlussbericht Arrival City Marxloh
- Stadt Frankfurt: Ausländische Bevölkerung Ende 2024
Schlagworte: Demografie, Migration, Integration, Deutschkenntnisse, Kommunen, Bevölkerungsentwicklung
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