Wer „Machtmissbrauch“ auf die Titelseite schreibt, sollte ihn auch belegen können. Annika Leisters Kommentar bei t-online liefert stattdessen eine moralische Anklage, deren entscheidender Beweis fehlt. Für mich ist das journalistisch unterste Schublade.
Landtagsvizepräsident Hans-Thomas Tillschneider wollte an einer Gedenkveranstaltung teilnehmen, wurde durch eine Menschenkette aufgehalten und bat die Polizei um Zugang. Die Situation blieb nach Polizeiangaben ruhig, schließlich ging er. Wo genau wurde hier eine staatliche Befugnis missbraucht? Eine Bitte an Polizeibeamte ist noch kein Befehl – und politische Abneigung ersetzt keinen Nachweis. www.mdr.de
Doch statt diese entscheidende Frage sauber zu beantworten, beschwört Leister ein Bild herauf: Polizisten könnten jüdische Protestierende von ihrem Gotteshaus wegtragen. Dieser Einsatz fand überhaupt nicht statt. Das Schreckensbild soll die Empörung liefern, die der tatsächliche Ablauf offenbar nicht ausreichend hergibt. Für mich ist das eine besonders billige Methode: einen hypothetischen Übergriff ausmalen und damit einen realen Menschen verurteilen. www.t-online.de
Selbstverständlich verdient die Verwendung offiziellen Landtagsbriefpapiers kritische Prüfung. Aber genau diese Prüfung müsste eine verantwortungsvolle Redaktion leisten: Was wurde veröffentlicht, welche Amtsbefugnis wurde überschritten, welcher Druck tatsächlich ausgeübt? Wer diese Fragen durch moralische Gewissheit ersetzt, macht aus Journalismus eine Anklagerede.
Besonders bitter ist der Abstand zum eigenen Anspruch. Ströer bewirbt t-online mit unabhängigem, faktenbasiertem und ausgewogenem Journalismus. An diesem Versprechen muss sich das Portal messen lassen. Ein Meinungskennzeichen erlaubt scharfe Wertungen; es macht eine dünne Begründung nicht stärker. www.stroeer.de
Mein Urteil über diesen Kommentar ist eindeutig: Die Autorin greift zu einer empörenden Dramatisierung, statt ihren schwerwiegenden Vorwurf überzeugend zu belegen. Das darf veröffentlicht werden. Als journalistische Qualität müssen Leser es deshalb noch lange nicht hinnehmen. Wer anderen Machtmissbrauch vorwirft, sollte mit der eigenen publizistischen Macht sorgfältiger umgehen.
Quellen
- t-online: „Machtmissbrauch schon an Tag vier“
- MDR: Bericht über den Vorfall in Halle
- Ströer: Selbstbeschreibung von t-online
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