Hape Kerkeling: Vom feinen Humor zur groben Verdächtigung
Hape Kerkeling konnte einmal mit wenigen Worten die Absurdität einer Situation entlarven. Bei seiner politischen Argumentation liefert er inzwischen selbst das Anschauungsmaterial. Aus einem gewöhnlichen Wahlkampfspruch eine Brücke nach Buchenwald zu bauen, ist eine gewaltige rhetorische Grenzüberschreitung.
Bei der Anhörung im Thüringer Landtag erklärte Kerkeling sinngemäß: Wenn eine Partei „Alles ist möglich“ verspreche, sei bei ihr „unter Umständen auch Buchenwald möglich“. Damit verbindet er einen Allerweltssatz mit dem nationalsozialistischen Konzentrationslagersystem. Der gedankliche Sprung ersetzt dabei die Begründung.
Diese Argumentationskette wirkt erschreckend einfältig: Ein offenes Versprechen umfasst sprachlich alle Möglichkeiten, also wird ihm die schlimmstmögliche Bedeutung untergeschoben. Nach dieser Methode lässt sich nahezu jeder optimistische politische Satz zur Drohung umdeuten. Das ist keine überzeugende Analyse, sondern ein rhetorischer Taschenspielertrick mit maximaler moralischer Fallhöhe.
Wie austauschbar die Worte sind, zeigt ausgerechnet Frank-Walter Steinmeier. Schon 2009 rief der damalige SPD-Kanzlerkandidat den Jusos zu: „Alles ist möglich, alles ist offen.“ Niemand braucht daraus eine historische Verdächtigung zu konstruieren. Warum sollte derselbe sprachliche Allgemeinplatz bei einem politischen Gegner plötzlich einen solchen Schluss tragen?
Auch bei der Familiengeschichte lohnt Genauigkeit. Unser Artikel hat Hermann Kerkeling ausdrücklich nicht zum bloßen „Berufsverbrecher“ erklärt. Er hat sowohl seine politische Verfolgung und KZ-Haft als auch die berichtete Verurteilung wegen Bandendiebstahls benannt. Diese Unterscheidung steht im veröffentlichten Text und lässt sich nachlesen.
Die Arolsen Archives bestätigen seine Inhaftierung als politischer Häftling in Buchenwald. Die von der Arbeitsgemeinschaft Westmünsterland Genealogie veröffentlichte Recherche berichtet zugleich über acht Jahre Zuchthaus wegen Bandendiebstahls. Die Verfolgung löscht die kriminelle Vorgeschichte nicht aus; die kriminelle Vorgeschichte rechtfertigt keine Verfolgung. Gerade eine widersprüchliche Biografie verlangt vollständige Darstellung.
Kerkeling darf politisch Stellung beziehen. Aber persönliche Betroffenheit verleiht keinem Argument einen Freibrief. Wer eine Partei mit Buchenwald in Verbindung bringt, muss mehr vorlegen als die düsterste Auslegung eines Wahlkampfspruchs.
Sein künstlerisches Lebenswerk verschwindet dadurch nicht. Doch für mich beschädigt er mit solchen Auftritten seine Glaubwürdigkeit als kluger, genauer Beobachter erheblich. Der Mann, der früher Übertreibungen durchschaute, bedient sich nun selbst ihrer.
Hier passt der alte Spott:
Si tacuisses, philosophus mansisses (Hätte er geschwiegen, wäre er ein Philosoph geblieben.)
Quellen
- Rabenspiegel: Ein moralischer Zeigefinger ersetzt keine Prüfung
- WELT/dpa: AfD kritisiert Satz von Kerkeling
- Süddeutsche Zeitung: Steinmeier beim Juso-Bundeskongress
- Arolsen Archives: Verfolgungsgeschichte von Hermann Kerkeling
- AG Westmünsterland Genealogie: Recherche zur kriminellen Vorgeschichte
Schlagworte: Hape Kerkeling, Hermann Kerkeling, Buchenwald, politische Rhetorik, AfD, Familiengeschichte
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