Eine bitterböse Satire über deutsche Wahrnehmungsakrobatik
Deutschland hat im Umgang mit Rechtsextremismus eine geradezu sensationelle Fähigkeit entwickelt:
Wir können ihn auf fünf Kilometer Entfernung riechen.
Jedenfalls solange er deutsch ist.
Ein falsches Symbol. Eine verdächtige Chatgruppe. Ein fragwürdiger Satz von vor zwölf Jahren. Eine politische Bekanntschaft. Eine historische Verbindung über drei Ecken.
Und schon läuft die Republik zur Höchstform auf.
- Verfassungsschutz!
- Sondersitzung!
- Expertenanhörung!
- „Unsere Demokratie ist in Gefahr!“
- „Wehret den Anfängen!“
- Und selbstverständlich:
- „Nie wieder ist jetzt!“
Dann allerdings schaut Deutschland Richtung Ukraine.
Und plötzlich wird aus dem deutschen Schäferhund ein Golden Retriever.
- Ganz ruhig.
- Ganz friedlich.
Keine Gefahr weit und breit.
Nein, nein, nein. Das sind keine Nazis!
- Azov?
- Um Gottes willen!
- Wie können Sie nur?
- Rechtsextreme Wurzeln?
Das muss man historisch einordnen.
- Bilezkyj?
- Nun machen Sie aber mal halblang.
Dass der Mann aus der rechtsextremen Szene kommt und früher mit antisemitischer und rassistischer Rhetorik aufgefallen ist?
- Das ist Vergangenheit.
- Symbole, die seit Jahren wegen ihrer Ähnlichkeit mit Wolfsangel und Schwarzer Sonne diskutiert werden?
- Kultureller Kontext!
- Andere Geschichte!
- Andere Bedeutung!
- Alles sehr kompliziert.
Vermutlich braucht man für die deutsche Erklärung inzwischen ein abgeschlossenes Studium in politischer Symbolakrobatik.
Denn was bei einem deutschen Rechtsextremisten als eindeutiges Erkennungsmerkmal gelten würde, verwandelt sich wenige hundert Kilometer weiter östlich plötzlich in ein hochkomplexes kulturhistorisches Phänomen.
Das sind keine Nazis. Das ist deren Kultur!
Man wartet eigentlich nur noch darauf, dass jemand erklärt, die Wolfsangel sei dort ein traditionelles ukrainisches Strickmuster.
Leider stört die Wirklichkeit
Dummerweise schreibt inzwischen sogar das polnische Zentrum für Osteuropastudien OSW über die historischen Wurzeln der Azov-Bewegung ziemlich unverblümt.
Das ursprüngliche Azov-Bataillon wurde 2014 von Andrij Bilezkyj gegründet. Zu seinem frühen Kern gehörten Aktivisten der rechtsextremen Organisation „Patriot der Ukraine“. Aus dem militärischen Verband entwickelte sich später ein erheblich größeres politisches und gesellschaftliches Netzwerk.
OSW dokumentiert zudem die Verwendung von Symbolen, die mit Wolfsangel und Schwarzer Sonne in Verbindung gebracht werden, und verweist auf Bilezkyjs frühere antisemitische und rassistische Rhetorik. Gleichzeitig bestreiten die heutigen Organisationen entsprechende nationalsozialistische Bezüge ihrer Symbolik.
Man kann also durchaus darüber diskutieren, wie stark diese Vergangenheit die heutigen Organisationen noch prägt.
Was man allerdings kaum seriös behaupten kann, ist:
Da war nie etwas.
Denn dafür liegt inzwischen schlicht zu viel auf dem Tisch.
Und nun: Warschau
Jetzt eröffnet beziehungsweise plant das ukrainische „Korpus Weteranów“ ein Zentrum in Warschau.
Nein, es ist formal kein militärisches Azov-Büro.
Das muss man klar sagen.
Es handelt sich um eine zivile Veteranenorganisation, die ehemaligen Soldaten und ihren Familien helfen soll. Hinweise auf eine militärische oder paramilitärische Tätigkeit des Warschauer Zentrums liegen bislang nicht vor.Aber auch hier kommt wieder dieser lästige Stammbaum ins Spiel.Die Organisation ist personell und historisch mit dem breiteren Azov-Umfeld verbunden. Selbst der polnische Faktencheck, der ausdrücklich die Behauptung zurückweist, „Azov eröffnet ein militärisches Zentrum in Warschau“, bestätigt diese Verbindung.
Und genau hier beginnt die eigentlich interessante deutsche Frage.
Was passiert, wenn solche Strukturen irgendwann nach Deutschland kommen?
Herzlich willkommen in Berlin!
Stellen wir uns das einmal vor.
- Berlin, irgendwann demnächst.
- Feierliche Eröffnung eines ukrainischen Veteranenzentrums aus diesem politischen Umfeld.
- Vor der Tür stehen Vertreter der Bundesregierung.
- Ein Staatssekretär hält eine Rede.V
- ielleicht gibt es noch 480.000 Euro Fördermittel für „gesellschaftliche Teilhabe und transnationale Veteranenarbeit“.
Und selbstverständlich erklärt man uns:
Mit Azov hat das überhaupt nichts zu tun.
- Gut, der Gründer kommt aus dem Azov-Umfeld.
- Die Strukturen kommen aus dem Azov-Umfeld.
- Teile der Führung kommen aus dem Azov-Umfeld.
- Die historische Tradition kommt aus dem Azov-Umfeld.
Aber ansonsten:
Keinerlei Verbindung zu Azov!
Das ist ungefähr so, als würde der FC Bayern eine Geschäftsstelle eröffnen und anschließend erklären:
Mit Fußball habe man eigentlich nichts zu tun.
Deutschland entdeckt die politische Waschmaschine
Wir Deutschen haben dafür inzwischen ein wunderbares Verfahren entwickelt.
- Man nehme einen politisch unangenehmen Sachverhalt.
- Dann gebe man drei Portionen „Kontext“ hinzu.
- Anschließend zwei Messbecher „Differenzierung“.
- Danach ordentlich „russische Propaganda“.
- 60 Grad.
- Schleudergang.
- Fertig.
Und heraus kommt:
Zivilgesellschaft.
- Aus einem historisch belasteten politischen Netzwerk wird ein „Veteranenverband“.
- Aus einem nationalistischen Milieu wird eine „patriotische Bewegung“.
- Aus problematischer Symbolik wird „historisch unterschiedlich interpretierbare Bildsprache“.
- Aus Rechtsextremismus wird „ukrainischer Nationalismus“.
Und wer anschließend immer noch Fragen stellt, bekommt den politischen Universalreiniger präsentiert:
„Das russische Narrativ.“
Praktisch.
Damit muss man sich mit der eigentlichen Frage gar nicht mehr beschäftigen.
Das deutsche Wunder der flexiblen Maßstäbe
Besonders grotesk wird es, wenn man sich vorstellt, dieselben Maßstäbe würden innerhalb Deutschlands gelten.
- Eine deutsche Organisation wird von einem Mann gegründet, der zuvor eine rechtsextreme Organisation geführt hat.
- Sie verwendet jahrelang Symbolik, die an nationalsozialistische Zeichen erinnert.
- Aus ihrem Umfeld entstehen politische, militärische und paramilitärische Strukturen.
- Ihr Gründer ist durch frühere antisemitische und rassistische Aussagen dokumentiert.
Und Jahre später eröffnet eine aus diesem Netzwerk hervorgegangene Veteranenorganisation ein Zentrum in Warschau.
Wie würde die deutsche Öffentlichkeit reagieren?
Wir kennen die Antwort.
Es gäbe vermutlich schon eine ARD-Brennpunktredaktion, bevor der Mietvertrag unterschrieben wäre.
Aber sobald „Ukraine“ auf dem Briefkopf steht, beginnt das große deutsche Erklärfestival.
Dann heißt es:
- Man müsse unterscheiden.
- Man müsse differenzieren.
- Man müsse den historischen Kontext berücksichtigen.
- Man dürfe Putin nicht in die Hände spielen.
- Und überhaupt sei alles wahnsinnig kompliziert.
Merkwürdig.
Bei deutschen Rechtsextremisten ist Deutschland selten derart philosophisch.
Vielleicht demnächst: „Nationalsozialismus mit Migrationshintergrund“
Sollte tatsächlich irgendwann ein solches Zentrum in Deutschland entstehen, dürfte die sprachliche Verrenkung endgültig olympisches Niveau erreichen.
Vielleicht erfahren wir dann:
„Das ist kein Rechtsextremismus, sondern kulturell geprägter ukrainischer Nationalismus.“
Oder:
„Die Symbolik besitzt im ukrainischen Kontext eine andere Bedeutung.“
Oder mein Favorit:
„Die Organisation hat sich weiterentwickelt.“
Deutschland könnte damit ein historisches Novum schaffen:
den politisch zertifizierten Rechtsextremismus mit Herkunftsbonus.
Denn offenbar entscheidet dann nicht mehr ausschließlich, welche Ideologie jemand historisch vertreten hat, welche Strukturen entstanden sind oder welche Symbolik verwendet wurde.
Entscheidend wäre vielmehr, ob der Betreffende gerade geopolitisch auf der richtigen Seite steht.
„Nie wieder“ – aber bitte mit Ausnahmen
Und genau hier endet der Spaß.
Wenn Deutschland „Nie wieder“ ernst meint, kann daraus nicht werden:
„Nie wieder, außer bei unseren Verbündeten.“
Wenn nationalsozialistische und rechtsextreme Ideologie verwerflich ist, dann ist sie verwerflich.
- In Berlin.
- In Dresden.
- In Moskau.
- In Kiew.
- Und in Warschau.
Nationalität ist kein Waschmittel für Ideologien.
Ein ukrainischer Rechtsextremist wird nicht dadurch zum Demokraten, dass er gegen Russland kämpft.
Ebenso wenig wird jeder ukrainische Soldat oder Veteran dadurch zum Rechtsextremisten, dass bestimmte ukrainische Formationen historisch aus einem solchen Milieu hervorgegangen sind.
Beides muss gleichzeitig gesagt werden dürfen.
Eigentlich eine intellektuelle Mindestanforderung.
In Deutschland offenbar inzwischen eine Hochleistungssportart.
Und wenn das erste Zentrum in Deutschland kommt?
Dann wird vermutlich wieder erklärt.
Und eingeordnet.
Und differenziert.
Bis vom ursprünglichen Problem kaum noch etwas übrig ist.
Vielleicht steht dann irgendein deutscher Minister bei der Eröffnung, lächelt in die Kameras und spricht von europäischer Solidarität, während draußen Demonstranten wegen irgendeines falschen Symbols vom Verfassungsschutz beobachtet werden.
Das wäre dann Deutschland 2026 in einem einzigen Bild:
Drinnen erklärt man uns, warum problematische historische Wurzeln diesmal gar nicht so problematisch sind.
Draußen erklärt man uns, warum wir bei problematischen historischen Wurzeln niemals wegsehen dürfen.
Und alle nicken.
Denn Deutschland hat aus seiner Geschichte schließlich gelernt.
Vor allem eines:
Wenn die Wirklichkeit nicht zur politischen Erzählung passt, braucht man offenbar nur genügend Experten, die sie lange genug erklären.
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