Moralpredigt mit LNG-Nachschlag
Brüssel empört sich über Geschäfte anderer mit Russland – und lässt währenddessen die eigenen LNG-Tanker anlegen. Europas Häfen nahmen in den ersten neun Monaten 2026 12,18 Millionen Tonnen russisches Yamal-Gas auf: 9,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der geschätzte Wert: 7,88 Milliarden Euro. urgewald e.V.
Natürlich ist das alles ganz anders. Wenn andere russischen Diesel kaufen, ist es ein Skandal. Wenn Europa russisches Gas kauft, ist es offenbar Versorgungssicherheit mit moralischem Beipackzettel. Das Gas wird schließlich nicht aus Begeisterung für Moskau importiert – sondern nur, weil es gerade gebraucht wird. Ein kleiner Unterschied, der an der Zapfsäule der politischen Glaubwürdigkeit allerdings kaum auffällt.
Die Rechnung von Urgewald ist eine Schätzung auf Grundlage von Liefermengen und europäischen Börsenpreisen, keine geprüfte Aufstellung einzelner Vertragszahlungen. Aber schon die vorsichtige Rechnung ist beachtlich: Fast 44.000 Tonnen pro Tag, und Europa nimmt den größten Teil der Yamal-Lieferungen ab. urgewald e.V.
Der vollständige EU-Stopp für russisches LNG soll erst am 1. Januar 2027 greifen. Bis dahin bleibt offenbar Zeit für weitere Appelle, weitere Empörung und weitere Tanker, die sich ihren Weg durch die Arktis bahnen. urgewald e.V.
Die EU kann also gleichzeitig warnen, sanktionieren, verurteilen – und einkaufen. Das ist keine besonders elegante Außenpolitik. Es ist eher die hohe Schule des politischen Doppelsprech: Der Handel des anderen ist Heuchelei. Der eigene ist alternativlos.
Quellen
Urgewald, „EU imports record 12.18 million tonnes of Russian Arctic LNG in first nine months of 2026“: https://www.urgewald.org/en/media/eu-imports-record-1218-million-tonnes-russian-arctic-lng-first-nine-months-2026
Schlagworte: EU, Russland, LNG, Energiepolitik, Sanktionen
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