Mehr als 120 Jahre nach dem Völkermord an Ovaherero und Nama fordern deren Vertreter Mitsprache, Rückgabe von Gebeinen und echte Reparationen. Und schon beginnt im deutschen Kopf die Ahnenforschung: War da nicht irgendwo ein Urgroßvater, der einmal ungerecht behandelt wurde? Vielleicht bin ich ja ein weißer Massai. Oder wenigstens weitläufig mit jemandem verwandt, der vor zweihundert Jahren einen schlechten Handel gemacht hat.
Man wird ja wohl noch fragen dürfen: Wo ist mein Formular? Die Bundesregierung hat doch sicher eine Abteilung für historische Familienansprüche. „Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit beantrage ich vorsorglich 100.000 Euro. Die genaue Benachteiligung reiche ich nach, sobald ich den Stammbaum bis zur passenden Epoche zurückverfolgt habe.“
So einfach ist es natürlich nicht. Der Bericht fordert nicht, jedem Nachfahren pauschal einen Scheck auszustellen. Es geht um konkrete historische Verbrechen und um die Frage, wer an Aufarbeitung und Versöhnung beteiligt wird. Aber sobald das Wort „Reparationen“ fällt, verwandelt sich die Debatte zuverlässig in eine absurde Vorstellung: Geschichte als Geldautomat, Abstammung als PIN.
Vielleicht sollte man deshalb zuerst klären, worüber tatsächlich gesprochen wird: über Verantwortung für staatliche Verbrechen, über Rückgabe geraubter Gebeine und über Mitsprache der Betroffenen. Das ist etwas anderes als ein persönlicher Kassensturz über Generationen. Und mein vorsorglicher Antrag auf 100.000 Euro? Der bleibt vorerst ein satirischer Entwurf – mein Stammbaum muss schließlich erst noch beweisen, dass er zahlungsfähig ist.
Quellen: Zeitungsartikel
Schlagworte: Kolonialgeschichte, Ovaherero, Nama, Reparationen, Satire
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