Andy Burnham scheint eine besondere Begabung zu entwickeln: Er stellt Fragen, bekommt offenbar Antworten, die sonst niemand kennt – und präsentiert sie anschließend der Öffentlichkeit, ohne die entscheidenden Einzelheiten mitzuliefern.
Erst berichtete der britische Premier nach einem Gespräch mit Friedrich Merz, die AfD sei mit Russland verbunden und werde finanziert – „glaube ich“. In meinem Beitrag „Londons ‚Glaube ich‘ – Berlins bequeme Ausrede“ ging es deshalb um eine einfache Frage: Reicht ein vages Zitat aus zweiter Hand wirklich aus, um eine derart schwerwiegende Anschuldigung in den Raum zu stellen? Merz bestätigte sie nicht; konkrete Belege wurden nicht genannt.
Nun kommt die nächste Offenbarung aus Burnhams politischem Orakel. Er habe in Downing Street gefragt, ob Russland beim Brexit-Referendum mitgemischt habe. Die Antwort sei klar gewesen: Ja.
Wie diese Einmischung konkret aussah, sagte Burnham allerdings nicht. Auch dafür soll die Öffentlichkeit offenbar zunächst auf sein Wort vertrauen.
Das Muster ist verblüffend: Bei der AfD heißt es „finanziert, glaube ich“, beim Brexit lautet die Botschaft sinngemäß: „Die Antwort war klar – Einzelheiten später.“ Aus Vermutungen und nicht näher erläuterten Auskünften werden politische Schlagzeilen. Die Behauptung steht im Raum, während die Belege irgendwo hinter den schweren Türen der Regierungszentralen bleiben.
Und die politische Richtung ist bequem: Wenn Bürger sich von einer Regierung abwenden oder politische Entwicklungen nicht ins gewünschte Bild passen, lässt sich schnell auf Moskau zeigen. Genau davor warnte schon mein vorheriger Beitrag: Der Verweis auf Russland kann einer angeschlagenen Regierung ersparen, sich mit der eigenen Verantwortung und den Gründen für den Vertrauensverlust auseinanderzusetzen.
Burnham erklärt nun auch deutschen und französischen Wählern, manche politische Entwicklungen seien von Gegnern gezielt angestoßen. Vielleicht sollte er dafür gleich eine Hotline einrichten. Wer wissen möchte, warum Menschen eine bestimmte Partei wählen, ob der Brexit irgendwann rückgängig gemacht wird oder wer die Weltmeisterschaft gewinnt, braucht dann nur noch eine Frage an das Orakel von Downing Street.
Und falls die Antwort wieder lautet „glaube ich“, wissen wir wenigstens, woran wir sind: Die Prophezeiung steht. Die Begründung kann warten.
Quellen
- Rabenspiegel: „Londons ‚Glaube ich‘ – Berlins bequeme Ausrede“
https://rabenspiegel.de/2026/10/13/londons-glaube-ich-berlins-bequeme-ausrede/ - Reuters: Burnhams Aussage zur russischen Einmischung beim Brexit und die Klarstellung Downing Streets
https://www.reuters.com/world/uk/uk-pm-burnham-says-russia-interfered-2016-brexit-vote-2026-10-12/
Schlagworte: Andy Burnham, Friedrich Merz, AfD, Russland, Brexit, politische Verantwortung
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