Frank-Walter Steinmeier geht. Darüber dürften sich manche freuen, andere weniger. Aber eines ist unbestreitbar: Kaum beginnt die Debatte über seine Nachfolge, dreht sie sich nicht um Persönlichkeit, Integrität oder staatsmännische Größe. Nein. Die erste Frage lautet offenbar: Ist es eine Frau?
Mission erfüllt.
Was genau soll eigentlich ein Bundespräsident sein?
Der Bundespräsident ist kein Parteisoldat. Er soll nicht täglich Wahlkampf betreiben. Er soll keine ideologischen Grabenkämpfe führen.
Er soll das Land zusammenhalten.
Er soll über den Parteien stehen.
Er soll vermitteln, versöhnen, mahnen und in Krisen Orientierung geben.
Er soll gewissermaßen die Vater- oder heute vielleicht besser gesagt die Elternfigur der Republik sein. Jemand, der Vertrauen schafft und Brücken baut.
Viele Kritiker werfen Frank-Walter Steinmeier jedoch vor, genau diese Rolle nicht ausgefüllt zu haben. Sie vermissten Neutralität, Ausgleich und die Bereitschaft, alle Teile der Gesellschaft gleichermaßen anzusprechen. Ob man diese Kritik teilt oder nicht: Sie ist seit Jahren Bestandteil der politischen Debatte.
Umso erstaunlicher wirkt nun die Diskussion über seine Nachfolge.
Denn statt zu fragen:
„Wer kann dieses Land zusammenführen?“
lautet die Botschaft vieler Stimmen aus SPD und Grünen:
„Es muss endlich eine Frau werden.“
Das Geschlecht scheint plötzlich das entscheidende Auswahlkriterium zu sein.
Kompetenz?
Lebenserfahrung?
Ausgleichsfähigkeit?
Integrität?
Ach was.
Erst einmal den Personalausweis kontrollieren.
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet jene politischen Kräfte, die seit Jahren erklären, Geschlecht dürfe niemals entscheidend sein, nun genau dieses Merkmal zur zentralen Voraussetzung erklären?
Die Ironie schreibt sich inzwischen selbst.
Natürlich wäre eine Bundespräsidentin überhaupt kein Problem.
Wenn sie die beste Kandidatin ist.
Ebenso wenig wäre ein Bundespräsident ein Problem.
Wenn er der beste Kandidat ist.
Eigentlich klingt das erschreckend selbstverständlich.
Heute scheint das schon fast revolutionär.
Satirisch zugespitzt könnte man fragen:
Warum bei „Frau“ aufhören?
Warum nicht gleich sämtliche Identitätsmerkmale zum Auswahlverfahren machen?
Vielleicht sollte künftig zuerst geprüft werden, welchem Geschlecht sich die Bewerberin oder der Bewerber zuordnet. Oder ob überhaupt eine Zuordnung gewünscht ist. Vielleicht braucht Deutschland ein diverses Auswahlgremium mit einem 84-seitigen Kriterienkatalog und anschließend eine feierliche Zertifizierung der korrekten Identität.
Der Lebenslauf kommt dann auf Seite 27.
Irgendwo zwischen Pronomen und Diversity-Nachweis.
Man könnte den Eindruck gewinnen, dass heute alles wichtiger geworden ist als Charakter.
Dabei ist das Amt des Bundespräsidenten eines der wenigen Ämter, bei denen die Persönlichkeit tatsächlich mehr zählt als Parteibuch oder Tagespolitik.
Deutschland braucht keinen symbolischen Sieg im Kulturkampf.
Deutschland braucht jemanden, der Vertrauen schafft.
Jemanden, der nach einer Naturkatastrophe ebenso glaubwürdig spricht wie nach einem Terroranschlag.
Jemanden, der nicht die Hälfte der Bevölkerung belehrt, sondern versucht, die ganze Bevölkerung zu vertreten.
Ob Mann oder Frau, jung oder alt, parteilos oder Parteimitglied, sollte dabei bestenfalls zweitrangig sein.
Denn am Ende wird sich kaum jemand an das Geschlecht erinnern.
Aber sehr wohl daran, ob dieses Staatsoberhaupt Größe bewiesen hat.
Und genau das wäre eigentlich die wichtigste Qualifikation.
Nicht das Geschlecht.
Sondern das Format.
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Die spannende Frage bleibt allerdings offen: Wer erfüllt die geforderte Voraussetzung „Frau“ eigentlich genau? Nur biologisch geborene Frauen? Auch trans Frauen? Wer entscheidet das? Wer das Geschlecht zur wichtigsten Zugangsvoraussetzung erklärt, sollte zumindest erklären können, was damit gemeint ist. Sonst endet die Debatte dort, wo moderne Identitätspolitik erstaunlich oft endet: in einem Widerspruch mit den eigenen Begriffen.
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