Vom Anspruch der Volkspartei zum Rauswurf aus dem Landtag
Es gibt Wahlniederlagen. Es gibt politische Abstürze. Und dann gibt es Ergebnisse, die eine ganze Parteienlandschaft erschüttern.
Mecklenburg-Vorpommern 2026 gehört in die letzte Kategorie.
Die CDU erreicht bei der Landtagswahl nach dem vorläufigen Ergebnis gerade noch 4,9 Prozent der Zweitstimmen. Damit scheitert sie an der Fünf-Prozent-Hürde und verliert sämtliche bisherigen zwölf Sitze im Schweriner Landtag. 2021 hatte sie noch 13,3 Prozent erreicht. Noch drastischer wird das Bild bei den Erststimmen: Dort fällt sie von 17,3 auf 6,2 Prozent.
Eine Partei, die jahrzehntelang den Anspruch erhob, eine der beiden großen Volksparteien Deutschlands zu sein, fliegt aus einem deutschen Landesparlament.
Man muss diesen Satz zweimal lesen.
Denn vor wenigen Jahren hätte ein solches Szenario vermutlich selbst unter den schärfsten Kritikern der Union als maßlose Übertreibung gegolten.
Heute ist es Wahlergebnis.
Sachsen-Anhalt war keine Warnung mehr, sondern ein Donnerschlag
Wer Mecklenburg-Vorpommern als regionalen Betriebsunfall abtun möchte, muss erklären, was nur zwei Wochen zuvor in Sachsen-Anhalt passiert ist.
Dort stürzte die CDU von 37,1 auf 17,2 Prozent der Zweitstimmen ab. Ein Verlust von 19,9 Prozentpunkten innerhalb einer einzigen Wahlperiode. Gleichzeitig erreichte die AfD 43,8 Prozent.
Und besonders bemerkenswert: Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 Prozent, satte 17,5 Prozentpunkte höher als 2021.
Nun Mecklenburg-Vorpommern.
Wieder eine außergewöhnlich hohe Wahlbeteiligung: 78,1 Prozent, nach 70,8 Prozent im Jahr 2021.
Das Argument von den politikverdrossenen Bürgern, die gelangweilt zu Hause auf dem Sofa liegen, trägt hier also kaum.
Die Menschen sind zur Wahl gegangen.
Sie haben ihre Stimmzettel genommen.
Sie haben ihre Kreuze gemacht.
Und sie haben die politische Landschaft massiv verändert.
Ausgerechnet die CDU: 4,9 Prozent
Das eigentlich Ungeheuerliche an diesem Wahlabend steckt deshalb in einer kleinen Zahl:
4,9.
Vier Komma neun Prozent.
Nicht irgendeine Splitterpartei. Nicht irgendein politisches Experiment, das nach vier Jahren wieder verschwindet.
Die CDU.
Die Partei Adenauers und Kohls. Die Partei, die über Jahrzehnte Bundeskanzler stellte und weite Teile der Geschichte der Bundesrepublik prägte.
Und jetzt reicht es in einem Bundesland nicht einmal mehr für den Landtag.
Das ist kein Kratzer im Lack.
Das ist ein historischer Bruch.
Und Friedrich Merz? Er bleibt.
Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete die Ergebnisse selbst als „Desaster“. Trotzdem kündigte er an, sowohl Bundeskanzler als auch CDU-Vorsitzender bleiben zu wollen.
Noch bemerkenswerter war seine politische Diagnose.
Merz erklärte:
„Das Vertrauen in die Institutionen unseres Landes sinkt und wird von radikalen Parteien links und rechts aktiv untergraben.“
Er sprach außerdem davon, Reformen seien ein Mittel gegen das „Gift des Autoritären“.
Man kann diese Analyse teilen.
Man darf aber auch eine andere, wesentlich unangenehmere Frage stellen:
Warum wählen Millionen Menschen diese Parteien überhaupt?
Denn weder eine Partei links noch eine Partei rechts hat das Kreuz für die CDU verhindert.
Kein politischer Konkurrent hat die CDU gezwungen, in Sachsen-Anhalt 19,9 Prozentpunkte zu verlieren.
Und niemand hat die Wähler Mecklenburg-Vorpommerns gezwungen, die CDU auf 4,9 Prozent zu drücken.
Vielleicht wäre es deshalb für die Union an der Zeit, weniger darüber nachzudenken, wer angeblich das Vertrauen in die Institutionen zerstört, und mehr darüber, warum so viele Menschen dieses Vertrauen offenbar verloren haben.
Der Wähler stimmt ab und anschließend beginnt die Koalitionsarithmetik
Und beinahe reflexartig begann am Wahlabend wieder die bekannte Diskussion:
Wer kann jetzt mit wem regieren?
Welche Koalition ist möglich?
Welche Parteien können miteinander eine Mehrheit bilden?
Natürlich gehört das zur parlamentarischen Demokratie. Regierungen benötigen Mehrheiten.
Aber dabei darf eine zweite Frage nicht untergehen:
Was wollten die Wähler mit diesem Ergebnis eigentlich ausdrücken?
In Mecklenburg-Vorpommern erreicht die AfD 38,2 Prozent, die SPD 35,5 Prozent, die Linke 6,5 Prozent, die Grünen 5,7 Prozent und die CDU 4,9 Prozent.
Das Parteiensystem verschiebt sich damit erheblich.
Wer daraus lediglich die nächste Koalitionsformel errechnet, hat zwar parlamentarische Mathematik betrieben. Ob er damit die politische Botschaft verstanden hat, ist eine ganz andere Frage.
Zwei Wahlen, dieselbe Warnung
Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sind politisch unterschiedliche Länder. Deshalb wäre es unseriös, aus zwei Wahlergebnissen ein Naturgesetz für sämtliche kommenden Wahlen abzuleiten.
Aber ebenso unseriös wäre es, die Dimension dieser Ergebnisse kleinzureden.
In Sachsen-Anhalt verliert die CDU fast zwanzig Prozentpunkte.
Zwei Wochen später scheitert sie in Mecklenburg-Vorpommern an der Fünf-Prozent-Hürde.
Gleichzeitig gehen in beiden Ländern außergewöhnlich viele Menschen wählen.
Das ist zumindest ein Signal, das niemand in den Parteizentralen ignorieren sollte.
„Hier fängt es an und es wird weitergehen“
Und damit kommen wir zur Prognose dieses Kommentars.
Sie ist ausdrücklich eine politische Prognose des Autors, keine feststehende Tatsache:
Hier fängt es an und es wird weitergehen. Es geht über das ganze Land.
Nach Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern halte ich genau diese Entwicklung für möglich.
Ob sie tatsächlich eintritt, entscheiden allein die Wähler bei den kommenden Wahlen. Aber wer heute glaubt, man könne Ergebnisse dieser Größenordnung einfach aussitzen, Koalitionen neu zusammensetzen und anschließend zur Tagesordnung übergehen, könnte eine böse Überraschung erleben.
Denn die entscheidende Zahl dieses Wahlabends lautet nicht 38,2 und auch nicht 35,5.
Sie lautet:
4,9 Prozent.
Das ist das Ergebnis einer Partei, die Deutschland jahrzehntelang regiert hat.
Und vielleicht ist es genau diese Zahl, die eines Tages als Symbol für den Moment stehen wird, in dem aus dem schleichenden Niedergang der CDU ein offener Absturz wurde.
Sachsen-Anhalt war das Beben. Mecklenburg-Vorpommern ist der Erdrutsch.
Und meine Prognose lautet:
Der Erdrutsch ist noch nicht vorbei. Noch lange nicht.
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