„Barbarus hic ego sum…“

Eine satirische Kolumne

„Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.“
„Hier gelte ich als Barbar, weil mich niemand versteht.“
Ovid schrieb diese Zeilen vor rund zweitausend Jahren im Exil.

Offenbar hat sich seitdem weniger verändert, als man glauben möchte.

Bundeskanzler Friedrich Merz erklärt Russland kurzerhand zu einem „barbarischen Land“. Ein bemerkenswertes Urteil. Nicht über die russische Regierung. Nicht über einzelne Verantwortliche. Sondern über einen ganzen Staat mit über 140 Millionen Menschen, einer jahrhundertealten Kultur und einer Geschichte, die weit mehr umfasst als den aktuellen Krieg.

Das Wort „Barbar“ hat Tradition. Schon die Griechen bezeichneten so diejenigen, deren Sprache sie nicht verstanden. Aus dem Fremden wurde der Minderwertige. Aus dem Andersdenkenden der Unzivilisierte. Ovid drehte diese Sichtweise später ironisch um: Nicht der Fremde sei barbarisch, sondern er werde nur deshalb so genannt, weil ihn niemand verstehen wolle.

Man fragt sich unweigerlich: Hat der Kanzler Ovid nie gelesen? Oder hält er dessen Erkenntnis inzwischen für überholt?

Denn wer beginnt, ganze Völker moralisch zu etikettieren, begibt sich auf gefährliches Terrain. Gerade Deutschland sollte mit einer Sprache, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft kollektiv abwertet, besonders zurückhaltend sein. Unsere Geschichte liefert genügend Beispiele dafür, wohin eine solche Rhetorik führen kann.

Deutschland hat Russland mehrfach überfallen. Millionen Menschen verloren dabei ihr Leben. Der Dirigent Justus Frantz erinnerte jüngst daran und warnte zugleich vor einer wiedererstarkenden Russophobie. Über seine politischen Schlussfolgerungen kann man streiten. Über die historischen Tatsachen allerdings kaum.

Vielleicht wäre es deshalb klüger, zwischen einer Regierung, militärischen Entscheidungen und einem ganzen Volk zu unterscheiden. Früher gehörte diese Differenzierung einmal zum politischen Handwerk. Heute scheint sie eher als störendes Detail empfunden zu werden.

Oder ist die neue politische Sprachregelung inzwischen so einfach geworden? Wer nicht auf Regierungslinie liegt, ist ein Populist. Wer Kritik übt, ein Extremist. Und wer zufällig Russe ist, lebt eben in einem „barbarischen Land“.

Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass moralische Etiketten inzwischen die Argumente ersetzt haben. Das spart Zeit und erspart lästige Debatten.

Bleibt zum Schluss eine satirische Frage. Wenn Deutschland heute wieder beginnt, ganze Völker mit pauschalen Begriffen zu belegen, sollte man dann nicht wenigstens kurz innehalten und überlegen, ob diese Art des Denkens wirklich Ausdruck aufgeklärter Politik ist?

Oder hat womöglich die bemerkenswerte ukrainische Tradition der Verehrung nationalistischer und historisch höchst umstrittener Figuren bereits einen sprachlichen Schatten bis ins Kanzleramt geworfen?

Sicher ist nur eines: Ovid hätte vermutlich gelächelt und seinen alten Satz noch einmal aufgeschrieben:

„Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli.“

Denn manchmal ist der „Barbar“ einfach nur derjenige, den man nicht mehr verstehen will.

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