Die Wertegemeinschaft und ihr Menschenmaterial

Europa ist stolz auf seine Werte. Menschenrechte. Freiheit. Würde. Das Recht auf Leben.

Jedenfalls so lange, bis diese Werte mit geopolitischen Interessen kollidieren. Dann werden aus hehren Grundsätzen plötzlich Fußnoten.

Die Europäische Union hat beschlossen, den vorübergehenden Schutz für aus der Ukraine Geflüchtete zwar bis 2028 zu verlängern, gleichzeitig aber neue Einschränkungen einzuführen:

Neu ankommende Ukrainer, die nach ukrainischem Recht ihren militärischen Verpflichtungen unterliegen und keine rechtmäßige Ausreise nachweisen können, sollen künftig keinen automatischen vorübergehenden Schutz mehr erhalten.

Die Regelung gilt für neue Antragsteller, nicht für bereits geschützte Personen.

Als Begründung nennt die EU ausdrücklich die „sich wandelnden Verteidigungsbedürfnisse der Ukraine“.

Man muss sich diesen Satz langsam auf der Zunge zergehen lassen.

Nicht mehr der Schutz des Einzelnen steht im Mittelpunkt, sondern der Personalbedarf einer Armee.

Aus dem Flüchtling wird eine Ressource. Aus einem Menschen wird eine verfügbare Personalreserve. Aus dem individuellen Schicksal wird militärische Planung.

Natürlich wird niemand in Brüssel sagen:

„Diese Männer sollen an die Front.“

Das klingt unschön. Stattdessen spricht man von der Wahrung militärischer Verpflichtungen.

Bürokratie hat schon immer die erstaunliche Fähigkeit besessen, selbst existenzielle Fragen in sterile Verwaltungssprache zu verwandeln.

Es ist eine bemerkenswerte Entwicklung.

Jahrelang wurde Europa als moralische Supermacht präsentiert. Jeder Politiker erklärte, die Würde des Menschen sei unantastbar. Jeder betonte, Europa verteidige Freiheit und Humanität.

Und nun lautet die Botschaft an einen Teil der Geflüchteten sinngemäß:

Wenn dein Heimatstaat dich zum Militär einziehen will, dann betrachten wir das nicht mehr als unseren Schutzauftrag.

Man muss diese Entscheidung nicht teilen. Man darf sie kritisieren. Denn sie wirft eine fundamentale Frage auf:

Gelten Menschenrechte universell oder nur solange, wie sie außenpolitisch bequem sind?

Besonders bitter wirkt dabei die Rhetorik vieler europäischer Regierungen.

„Wir stehen an der Seite der Ukraine.“

Ein Satz, der ständig wiederholt wird.

Doch wer steht eigentlich an der Seite jener Ukrainer, die schlicht nicht sterben möchten?

Wer vertritt das Recht eines Menschen, den Krieg abzulehnen?

Wer sagt, dass das Leben eines einzelnen Mannes mehr wert sein könnte als seine militärische Verwendbarkeit?

Offenbar immer weniger Politiker.

Natürlich besitzt jeder Staat das Recht zur Wehrpflicht. Ebenso legitim ist die politische Diskussion darüber, ob andere Staaten Personen schützen sollen, die sich einer Einberufung entziehen.

Gerade deshalb wäre eine offene Debatte ehrlicher als moralische Selbstinszenierung.

Stattdessen entsteht der Eindruck, als würden humanitäre Prinzipien dort flexibel ausgelegt, wo sie außenpolitischen Zielen im Weg stehen.

Gerade das macht diese Entscheidung so verstörend.

Nicht weil sie kompliziert wäre.

Sondern weil sie so nüchtern offenlegt, wie schnell sich die Sprache der Menschenrechte in die Sprache militärischer Zweckmäßigkeit verwandeln kann.

Vielleicht sollte man künftig ehrlicher werden.

Vielleicht sollte man aufhören, ständig von einer „Wertegemeinschaft“ zu sprechen.

Denn Werte beweisen sich nicht dann, wenn sie nichts kosten.

Sie beweisen sich genau in dem Moment, in dem ihre Einhaltung unbequem wird.

Und genau dort beginnt nun eine Debatte, die Europa sehr viel länger verfolgen dürfte als jede Pressemitteilung aus Brüssel.

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