Die unvollendete Aufarbeitung: Warum die Schatten der DDR noch immer durch die Bundesrepublik wandern

Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR stellt sich eine unbequeme Frage: Hat Deutschland das Unrecht der zweiten deutschen Diktatur jemals wirklich aufgearbeitet?

Während ehemalige NS-Belastete nach 1945 zu Recht zum Symbol einer notwendigen Vergangenheitsbewältigung wurden, scheint für viele Funktionsträger und Zuträger des SED-Staates ein anderer Maßstab gegolten zu haben. Zahlreiche ehemalige Funktionäre, Parteikader und Informelle Mitarbeiter der Staatssicherheit fanden nach der Wiedervereinigung neue Betätigungsfelder. Manche verschwanden aus der Öffentlichkeit. Andere schafften es sogar, sich als moralische Instanzen der Bundesrepublik neu zu erfinden.

Für viele Opfer der DDR-Diktatur ist genau das bis heute ein Schlag ins Gesicht.

Das vergessene Unrecht

Die Staatssicherheit der DDR war kein gewöhnlicher Nachrichtendienst. Sie war das Instrument einer Diktatur zur Überwachung, Einschüchterung und Zersetzung der eigenen Bevölkerung.

Hunderttausende Bürger wurden bespitzelt. Freundschaften wurden zerstört. Familien auseinandergebracht. Karrieren vernichtet. Menschen landeten im Gefängnis, weil sie die falschen Bücher lasen, ausreisen wollten oder schlicht eine andere Meinung hatten.

Doch während die Opfer oft jahrzehntelang mit den Folgen leben mussten, konnten viele Täter und Zuträger nach 1990 erstaunlich geräuschlos neue Rollen finden.

Der Fall Anetta Kahane

Eine der bekanntesten und zugleich umstrittensten Persönlichkeiten ist Anetta Kahane.

Die heutige Publizistin gründete 1998 die Amadeu Antonio Stiftung und war bis 2022 deren Vorsitzende. Die Stiftung engagiert sich gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit.

Gleichzeitig ist seit den 1990er Jahren bekannt, dass Kahane in jungen Jahren als Inoffizielle Mitarbeiterin der Staatssicherheit tätig war. Diese Vergangenheit begleitet sie bis heute und sorgt immer wieder für politische Kontroversen.

Besonders kritisch sehen ihre Gegner die umfangreiche staatliche Förderung der von ihr gegründeten Stiftung. Laut veröffentlichten Finanzdaten erhielt die Amadeu Antonio Stiftung 2023 mehr als sechs Millionen Euro staatliche Zuschüsse, 2024 sollen die öffentlichen Zuschüsse sogar deutlich höher ausgefallen sein.

Für viele ehemalige DDR-Bürger ergibt sich daraus eine bittere Symbolik: Während Opfer des SED-Regimes oft um Anerkennung kämpfen mussten, fließen heute Millionen an Organisationen, die mit einer ehemaligen Stasi-Mitarbeiterin verbunden sind.


Der Fall Maja Wiens

Noch deutlicher wird die Problematik am Beispiel von Maja Wiens.

Unter dem Decknamen „IM Marion“ arbeitete sie für die Staatssicherheit. Bereits 1996 erklärte sie in einem Interview selbst:

„Ja, ich war eine schlimme Inoffizielle Mitarbeiterin.“

Zu den von ihr Bespitzelten gehörten nach damaligen Berichten sogar Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld.

Heute engagiert sich Wiens bei „Omas gegen Rechts“ und tritt öffentlich gegen Rechtsextremismus auf. Sie bezeichnet sich selbst als links und parteilos.

Genau hier beginnt für viele ehemalige DDR-Oppositionelle das eigentliche Problem.

Nicht die Tatsache, dass jemand Fehler gemacht hat.

Nicht einmal die Tatsache, dass jemand seine Vergangenheit einräumt.

Sondern dass ausgerechnet Menschen, die einst Teil eines Überwachungsapparates waren, heute wieder als politische Moralrichter auftreten und anderen erklären wollen, welche Ansichten akzeptabel sind und welche nicht.


Die alten Netzwerke

Natürlich wäre es falsch, jeden ehemaligen DDR-Bürger unter Generalverdacht zu stellen.

Die überwältigende Mehrheit hatte mit der Staatssicherheit nichts zu tun.

Aber ebenso falsch wäre es zu behaupten, die alten Netzwerke seien vollständig verschwunden.

Viele ehemalige Funktionäre fanden ihren Platz in Parteien, Verbänden, Medien, Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen. Manche wechselten lediglich die Sprache, nicht aber das Denken.

Wo früher von „Klassenfeinden“ gesprochen wurde, spricht man heute von „Demokratiefeinden“.

Wo früher politische Abweichler gemeldet wurden, werden heute Meldestellen geschaffen.

Wo früher gesellschaftliche Ausgrenzung staatlich organisiert wurde, erfolgt sie heute häufig über soziale, mediale oder institutionelle Mechanismen.

Die Methoden unterscheiden sich.

Der Drang zur Gesinnungskontrolle wirkt auf viele Beobachter erstaunlich vertraut.

Eine offene Rechnung

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob ehemalige Stasi-Mitarbeiter jemals wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen dürfen.

Natürlich dürfen sie das.

Die eigentliche Frage lautet:

Warum wurden die Opfer der DDR oft vergessen, während ehemalige Zuträger und Funktionäre teilweise zu angesehenen Akteuren der politischen Zivilgesellschaft aufsteigen konnten?

Warum wird jede historische Verfehlung der politischen Rechten bis heute mit Recht untersucht, während bei Teilen der linken Vergangenheit häufig bemerkenswerte Nachsicht herrscht?

Und warum scheint Deutschland bei der Aufarbeitung des DDR-Unrechts noch immer deutlich zurückhaltender zu sein als bei der Aufarbeitung anderer dunkler Kapitel seiner Geschichte?

Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung bleibt der Eindruck bestehen, dass die DDR zwar verschwunden ist.

Ihre Netzwerke, ihre Denkweisen und manche ihrer Akteure jedoch nicht.

Ein kleiner Zynismus der Geschichte bleibt: Wer einst Berichte für eine Diktatur schrieb, erhält heute gelegentlich Applaus für Vorträge über Demokratie. Menschen haben eine erstaunliche Fähigkeit zur Neuerfindung. Noch erstaunlicher ist manchmal die Fähigkeit einer Gesellschaft zum Vergessen.


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