Der scheidende deutsche Botschafter in Moskau, Alexander Graf Lambsdorff, erklärt im Spiegel, er sehe bei Wladimir Putin „keinen ernsthaften Willen zu Verhandlungen“ und halte den russischen Präsidenten für entschlossen, den Krieg fortzusetzen. Zudem warnt er vor einer möglichen weiteren Mobilmachung in Russland.
Solche Aussagen werfen eine grundsätzliche Frage auf: Welche Rolle sollte ein Botschafter eigentlich einnehmen?
Ein Diplomat ist nicht in erster Linie Kommentator oder politischer Analyst. Seine Aufgabe besteht darin, die Interessen seines Landes zu vertreten, Kontakte aufrechtzuerhalten und auch in schwersten Krisen Gesprächskanäle offenzuhalten. Gerade deshalb werden öffentliche Bewertungen eines Botschafters besonders aufmerksam wahrgenommen.
Alexander Graf Lambsdorff gilt seit vielen Jahren als ausgesprochen scharfer Kritiker der russischen Staatsführung. Diese Haltung war bereits lange vor seiner Ernennung zum Botschafter bekannt. Vor diesem Hintergrund überrascht seine aktuelle Einschätzung kaum. Kritiker könnten deshalb den Eindruck gewinnen, dass seine Aussagen weniger neue Erkenntnisse als vielmehr die Fortsetzung einer seit Jahren vertretenen politischen Linie darstellen.
Allerdings sollte man sauber zwischen Kritik an der russischen Regierung und Russophobie unterscheiden. Russophobie bezeichnet eine pauschale Feindseligkeit gegenüber Russland oder Russen als Volk. Die zitierte Äußerung Lambsdorffs richtet sich ausdrücklich gegen Präsident Putin und dessen politische Absichten. Allein daraus lässt sich der Vorwurf der Russophobie nicht als Tatsache ableiten. Er bleibt eine politische Bewertung, keine objektiv belegbare Feststellung.
Ebenso legitim ist jedoch die Frage, ob der deutsche Botschafter mit einer derart eindeutigen öffentlichen Bewertung seine diplomatische Rolle stärkt oder schwächt. Wer öffentlich erklärt, der Gesprächspartner habe keinen ernsthaften Friedenswillen, erschwert zumindest den Eindruck, dass es noch Raum für vertrauensbildende Gespräche gibt.
Hinzu kommt, dass die Einschätzung über den Friedenswillen der Konfliktparteien politisch umstritten ist. Während westliche Regierungen Russland die Hauptverantwortung für das Ausbleiben einer Verhandlungslösung zuschreiben, verweisen andere Beobachter auf gescheiterte Verhandlungsinitiativen, unterschiedliche Maximalforderungen beider Seiten und die komplexen politischen Interessen aller Beteiligten. Eine eindeutige Tatsachenfeststellung, wonach ausschließlich eine Seite keinen Friedenswillen besitze, lässt sich daraus nicht ableiten.
Gerade deshalb wäre Zurückhaltung für einen Diplomaten möglicherweise die überzeugendere Haltung gewesen. Diplomatie lebt davon, auch dann Gesprächsmöglichkeiten offen zu halten, wenn die politische Lage festgefahren erscheint. Öffentliche Festlegungen können den Handlungsspielraum eher verkleinern als erweitern.
Im Übrigen erinnern sich viele noch an den viel diskutierten Auftritt Alexander Graf Lambsdorffs bei der Trauerfeier für Alexej Nawalny, dessen frühere nationalistische Positionen und Äußerungen bis heute kontrovers diskutiert werden. Auch dieser Auftritt wurde von Kritikern als politisches Signal verstanden.
Ob Lambsdorffs Äußerungen Ausdruck nüchterner Analyse oder einer seit Jahren bekannten außenpolitischen Überzeugung sind, wird letztlich jeder Leser selbst beurteilen. Sicher ist jedoch: Wer ein Land diplomatisch vertritt, wird nicht nur an der Schärfe seiner Worte gemessen, sondern auch daran, ob seine Aussagen geeignet sind, Wege aus einer Krise zu eröffnen statt bestehende Fronten weiter zu verfestigen.











