Der große Rüstungsrausch. Oder: Wie man eine Blase zum Sondervermögen erklärt.

Noch vor wenigen Monaten schien die Zukunft glasklar zu sein. Wer „Panzer“, „Munition“ oder „Rüstung“ sagte, musste nur noch die Hand aufhalten und das Geld floss. Börsianer bekamen glänzende Augen, Politiker hielten martialische Reden und jeder, der Zweifel anmeldete, wurde behandelt, als hätte er vorgeschlagen, die Bundeswehr mit Tretrollern auszurüsten.

Die Erzählung war einfach: Immer mehr Waffen bedeuten automatisch immer mehr Gewinne. Krieg als Geschäftsmodell. Was sollte da schon schiefgehen?

Nun stellt sich heraus: Eine Fabrik ist eben kein Drucker für Geldscheine.

Die Börse hat plötzlich etwas getan, das in politischen Sonntagsreden nur selten vorkommt: Sie hat gerechnet.

Auftragsbücher, die bis unter die Hallendecke reichen, sind eben noch keine ausgelieferten Panzer. Milliardenaufträge sehen in Pressekonferenzen hervorragend aus, helfen Anlegern aber nur begrenzt, wenn Produktion, Personal, Lieferketten und Fertigungskapazitäten nicht hinterherkommen. Zwischen einer feierlichen Vertragsunterzeichnung und einem einsatzbereiten Fahrzeug liegen oft Jahre. Eine unangenehme Eigenschaft der Realität.

Dann kam noch eine zweite Erkenntnis hinzu.

Während manche Konzerne noch an der perfekten Schraube für den nächsten Kampfpanzer tüfteln, fliegen anderswo Drohnen für einen Bruchteil der Kosten durch die Gegend und erledigen Aufgaben, für die früher tonnenschwere Stahlkolosse vorgesehen waren.

Man könnte sagen: Der Krieg des 21. Jahrhunderts hat beschlossen, die Bedienungsanleitung des 20. Jahrhunderts nicht mehr zu lesen.

Während etablierte Rüstungsgiganten darüber diskutieren, wann der nächste Panzer ausgeliefert werden kann, sammeln Drohnen-Start-ups Milliarden ein. Offenbar ist ein autonom fliegendes System für Investoren inzwischen attraktiver als ein Fahrzeug, das so viel wiegt wie ein Mehrfamilienhaus und beim Transport mehrere Genehmigungen benötigt.

Wer hätte gedacht, dass Softwareentwickler plötzlich gefährlicher werden könnten als Stahlwerke?

Besonders unterhaltsam ist allerdings die politische Begleitmusik.

Jahrelang wurde der Bevölkerung erklärt, gigantische Aufrüstung sei alternativlos. Milliarden wurden mobilisiert, Schulden als historische Verantwortung verkauft und jede neue Ausgabe als Investition in Sicherheit bezeichnet.

Jetzt zeigt sich: Auch dieser Markt kennt Übertreibungen, Fehleinschätzungen und Blasen. Die Börse ist erstaunlich emotionslos. Sie applaudiert nicht für Reden. Sie bewertet Ergebnisse.

Vielleicht wäre das eine nützliche Erkenntnis auch für manche Regierung.

Denn wirtschaftliche Stärke entsteht nicht automatisch dadurch, dass man möglichst viele Milliarden verteilt. Irgendjemand muss am Ende die Produkte entwickeln, bauen, testen und ausliefern. Und wenn sich gleichzeitig die Technik schneller verändert als die Produktionsplanung, hilft auch der hundertste Gipfel mit ernsten Gesichtern wenig.

Die eigentliche Ironie bleibt jedoch bestehen.

Ausgerechnet jene, die sonst vor Spekulationsblasen warnen, jubelten plötzlich über jeden neuen Rüstungsboom, als wäre er ein Naturgesetz. Aktien kannten angeblich nur eine Richtung. Gewinne ebenfalls. Risiken? Fehlanzeige.

Bis die Wirklichkeit höflich anklopfte und fragte:

„Habt ihr eigentlich auch einen Plan für morgen?“

Offenbar lautete die Antwort vieler: „Nein. Aber wir haben eine sehr schöne PowerPoint-Präsentation.“

Und so endet der vermeintlich unaufhaltsame Höhenflug zunächst dort, wo viele Euphorien enden: auf dem harten Boden der wirtschaftlichen Realität.

Die Börse ist eben gnadenlos. Sie glaubt weder an Durchhalteparolen noch an Pressekonferenzen. Sie verlangt Ergebnisse. Eine ausgesprochen unhöfliche Angewohnheit in einer Zeit, in der Schlagzeilen oft wichtiger erscheinen als Substanz.

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