Die deutsche Energiepolitik hat eine besonders dreiste Form der Doppelmoral perfektioniert: Fracking im eigenen Land verbieten, amerikanisches Fracking-Gas kaufen und das Ganze als verantwortungsvolle Politik verkaufen. Die Förderung findet woanders statt, die Umweltbelastungen ebenfalls – und hier darf man sich mit sauberem Gewissen vor die Kameras stellen. So bequem kann politische Heuchelei sein.
Fracking bedeutet, Wasser, Sand und chemische Zusätze unter hohem Druck in tiefe Gesteinsschichten zu pressen. Dabei entstehen Risse, durch die eingeschlossenes Erdgas zur Bohrung strömen kann. Die Risiken sind bekannt: hoher Wasserverbrauch, mögliche Grundwasserverunreinigung, belastetes Abwasser und klimaschädliche Methanleckagen. www.umweltbundesamt.de
Diese Risiken verschwinden doch nicht, bloß weil über dem Bohrloch eine amerikanische Flagge weht. Amerikanisches Grundwasser ist ebenfalls Grundwasser. Methan aus Texas belastet dieselbe Atmosphäre wie Methan aus Niedersachsen. Wer Fracking hier wegen seiner Umweltfolgen ablehnt, das daraus gewonnene Gas aber aus Amerika bestellt, lagert die Belastungen aus. Das ist keine ökologische Konsequenz. Das ist ein sauber gebügeltes Alibi.
2025 stammten rund 96 Prozent der deutschen LNG-Importe aus den USA, wie die Bundesnetzagentur unter Berufung auf den BDEW berichtet. Amerika liefert, Deutschland bezahlt. Und während wir beim Einkauf zugreifen, bleibt kommerzielles unkonventionelles Fracking im eigenen Land verboten. www.bundesnetzagentur.de
Damit nicht genug: Für die Reise über den Atlantik muss das Gas energieaufwendig verflüssigt, verschifft und anschließend wieder verdampft werden. Zusätzliche Arbeit, zusätzliche Kosten, zusätzliche Emissionen. Wir akzeptieren die Förderung im Ausland und nehmen obendrein den Aufwand des Flüssiggastransports in Kauf. Anschließend wird uns diese Konstruktion als vernünftige Energieversorgung präsentiert. www.focus.de
Dabei verfügt Deutschland selbst über erhebliche Schiefergasvorkommen. Die BGR schätzt die technisch förderbaren Mengen auf 320 bis 2.030 Milliarden Kubikmeter. Das bedeutet keine garantierte Vollversorgung für zwanzig Jahre; Fördertempo und Wirtschaftlichkeit müssten geprüft werden. Aber es bedeutet sehr wohl: Unter unseren Füßen liegt ein beträchtliches Potenzial, dessen kommerzielle Erschließung wir gesetzlich ausschließen. www.bgr.bund.de
Genau hier wird die Doppelmoral unerträglich. Bei deutschen Vorkommen werden die Umweltbedenken zum Ausschlussgrund. Beim amerikanischen Gas reichen dieselben Bedenken offenbar nicht aus, um auf den Einkauf zu verzichten. Für die eigene Förderung gilt das Verbot, für die fremde Förderung gibt es einen zahlenden deutschen Kunden.
Wer Versorgungssicherheit als Begründung anführt, muss sich fragen lassen, weshalb eine mögliche heimische Förderung nicht ebenso ernsthaft geprüft wird. Mit strengen Auflagen, transparenter Kostenrechnung und einem ehrlichen Vergleich der Umweltfolgen. Ein Verbot beantwortet diese Fragen nicht. Es verhindert, dass aus einer heimischen Möglichkeit ein konkretes Projekt werden kann.
Diese Energiepolitik schützt vor allem die eigene politische Fassade: Die Amerikaner dürfen bohren und verdienen, Deutschland darf kaufen und bezahlen – und unsere Verantwortlichen dürfen sich auch noch für ihre Umweltmoral feiern lassen. Dreister lässt sich Doppelmoral kaum organisieren.
Quellen
- Bundesnetzagentur: Gasversorgung 2025
- Umweltbundesamt: Fracking und Umweltrisiken
- BGR: Schiefergasvorkommen in Deutschland
- FOCUS: Warum Deutschland seine Gasvorkommen im Boden lässt
Schlagworte: Doppelmoral, Fracking, US-Flüssiggas, Energiepolitik, Gasförderung, Energiekosten, Heuchelei
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