Es gibt Momente, in denen man sich fragt, ob Deutschland eigentlich noch ein Land ist oder inzwischen ein gigantisches Satireprojekt, bei dem leider niemand mehr weiß, wo die versteckten Kameras stehen.
Der neueste Kandidat für die Kategorie „Kannste dir nicht ausdenken“ heißt Mark Roach, ist 71 Jahre alt, Rentner, Mitglied der Linken und offenbar zu einer bemerkenswerten Erkenntnis gelangt:
Wenn es im Sommer heiß wird und Menschen infolge hoher Temperaturen sterben, dann muss jemand schuld sein.
Und wer bietet sich dafür besser an als Friedrich Merz?
Also erstattete Roach Strafanzeige gegen Bundeskanzler Merz sowie Lars Klingbeil, Katherina Reiche und Carsten Schneider. Der Vorwurf: unterlassene Hilfeleistung beziehungsweise unterlassene Diensthandlungen im Zusammenhang mit den Folgen des Klimawandels.
Man muss sich diese Logik kurz auf der Zunge zergehen lassen.
Die Bundesregierung ist jetzt offenbar nicht mehr nur für Steuern, Renten, Straßen, Verteidigung, Migration, Wirtschaft und den üblichen deutschen Verwaltungswahnsinn zuständig.
Nein.
Sie trägt anscheinend auch strafrechtliche Verantwortung für das Wetter.
Friedrich Merz gegen die Sonne
Nach dieser Logik wird das Kanzleramt künftig vermutlich eine meteorologische Einsatzleitung benötigen.
Temperatur über 30 Grad?
Sofort Krisenstab!
Bei 33 Grad wird das Tempolimit verhängt.
Bei 35 Grad werden Autobahnen gesperrt.
Bei 37 Grad muss der Bundeskanzler persönlich mit einem Sonnenschirm durch deutsche Seniorenheime laufen.
Und sollte irgendwo eine ältere Dame vergessen haben, ausreichend Wasser zu trinken, könnte bereits der Generalbundesanwalt prüfen, ob sich der Bundesumweltminister wegen Beihilfe zum Sommer strafbar gemacht hat.
Denn Roach geht tatsächlich noch weiter.
Nach seinen Vorstellungen hätte bereits 2024 ein Notstand ausgerufen werden müssen. Als mögliche Maßnahmen nennt er unter anderem Fahrverbote und Geschwindigkeitsbegrenzungen.
Natürlich.
Wenn Oma Erna in Hamburg bei 34 Grad Kreislaufprobleme bekommt, muss dringend der Diesel auf der A7 stehen bleiben.
Das versteht sich praktisch von selbst.
Der nächste logische Schritt
Nur sollte man diesen Gedanken dann bitte konsequent zu Ende führen.
Wenn die Regierung für Hitzetote strafrechtlich verantwortlich sein soll, wer haftet dann eigentlich für Kältetote?
Wird bei minus zehn Grad der Wirtschaftsminister angezeigt?
Und was passiert bei Glatteis?
Unterlassene Streupflicht durch den Bundeskanzler?
Bei einem Blitzschlag könnte man über fahrlässige Körperverletzung durch das Umweltministerium nachdenken.
Und bei einem Sturm möglicherweise über Bildung einer meteorologischen kriminellen Vereinigung.
Deutschland wäre damit endlich dort angekommen, wo es offenbar hinwill:
Jedes Lebensrisiko braucht einen politisch Verantwortlichen.
Interessant wird es bei den Konsequenzen
Besonders hübsch wird die Geschichte nämlich dort, wo aus Klimapolitik plötzlich Strafrecht werden soll.
Denn selbstverständlich darf man darüber diskutieren, ob Deutschland genügend Hitzeschutz betreibt. Man kann über klimatisierte Pflegeeinrichtungen, Stadtbegrünung, Warnsysteme, Trinkwasserstellen oder bessere Betreuung alter Menschen sprechen.
Das wäre sogar ziemlich vernünftig.
Aber zwischen
„Der Staat sollte ältere Menschen besser vor Hitze schützen“
und
„Der Bundeskanzler könnte für Hitzetote strafrechtlich verantwortlich sein“
liegt ungefähr die geistige Entfernung zwischen einer Wetter-App und dem Internationalen Strafgerichtshof.
Und die Medien springen begeistert auf
Fast noch interessanter als die Anzeige selbst ist deshalb die mediale Verarbeitung.
„Rentner erstattet Anzeige gegen Friedrich Merz – der Vorwurf hat es in sich“, heißt es beispielsweise.
Natürlich hat er das.
Es klingt schließlich wesentlich aufregender als:
„71-jähriger Linken-Politiker erstattet Strafanzeige mit äußerst weitreichender Rechtsauffassung.“
Das würde den Leser womöglich dazu verleiten, die Sache politisch einzuordnen.
Und wo kämen wir hin, wenn Journalismus plötzlich Kontext liefern würde?
Also wird aus dem politischen Aktivisten lieber der „Rentner“.
Das erzeugt sofort ein anderes Bild.
Da steht gedanklich nicht mehr ein politisch engagierter Mann mit einer sehr konkreten Agenda, sondern Herbert mit Strickjacke, Rentenbescheid und Dackel vor dem übermächtigen Kanzleramt.
David gegen Goliath.
Nur dass David diesmal fordert, wegen des Klimawandels Fahrverbote einzuführen.
Der arme, arme Rentner
Man kann Roach seine Überzeugung überhaupt nicht vorwerfen. In einer Demokratie darf jeder Bürger Strafanzeige erstatten. Auch ungewöhnliche Strafanzeigen gehören zu einem freien Rechtsstaat.
Die Staatsanwaltschaft prüft dann, ob tatsächlich ein strafrechtlich relevanter Sachverhalt vorliegt.
So funktioniert das.
Bemerkenswert ist vielmehr, wie bereitwillig aus einer einzelnen Strafanzeige eine bundesweite Nachricht gebaut wird.
Denn eine Strafanzeige bedeutet zunächst ungefähr so viel wie die Mitteilung:
Jemand ist zur Polizei gegangen und hat etwas angezeigt.
Nicht mehr.
Sie ist weder Anklage noch Urteil und schon gar kein Beweis dafür, dass sich irgendjemand strafbar gemacht hat.
Aber „Rentner zeigt Merz wegen Hitzetoten an“ klickt natürlich prächtig.
Der deutsche Nachrichtenkonsument bekommt damit wieder seine bewährte Mischung aus Empörung, Klimawandel, Friedrich Merz und vermeintlichem Behördenversagen serviert.
Journalistisches Fast Food.
Vielleicht sollte man die Sonne gleich mitanzeigen
Konsequenterweise fehlt eigentlich nur noch die Strafanzeige gegen den Hauptverdächtigen.
Die Sonne.
Seit rund 4,6 Milliarden Jahren strahlt dieses Ding praktisch unkontrolliert Energie auf die Erde.
Ohne Genehmigung.
Ohne Umweltverträglichkeitsprüfung.
Ohne CO₂-Budget.
Und vor allem ohne Rücksicht auf deutsche Rentner.
Vielleicht sollte sich endlich jemand darum kümmern.
Bis dahin bleibt Friedrich Merz wohl auf freiem Fuß.
Und Deutschland kann sich beruhigt wieder seinen wirklichen Problemen widmen.
Zumindest bis zum nächsten Hochdruckgebiet.
Dann beginnt möglicherweise der nächste Fall für die Staatsanwaltschaft.
Tatverdächtig: Sommer.
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