Mit brennender Sorge

Mit brennender Sorge blicken viele Bürger auf den Zustand unserer Demokratie. Nicht, weil Panzer vor dem Reichstag stehen. Nicht, weil Zeitungen verboten werden. Sondern weil sich schleichend das Gefühl breitmacht, dass politische Macht heute nicht mehr als Auftrag verstanden wird, sondern als Besitz.

Es entsteht der Eindruck, dass sich ein politischer Apparat eingerichtet hat, der sich selbst versorgt und selbst erhält. Ministerien wachsen. Beauftragte vermehren sich. Staatssekretäre, Sonderbevollmächtigte, Berater, Kommissionen und zahllose steuerfinanzierte Organisationen bilden ein Geflecht, das Jahr für Jahr Milliarden verschlingt. Wer davon lebt, hat naturgemäß wenig Interesse an einem politischen Wechsel.

Denn ein Regierungswechsel bedeutet für viele nicht nur einen neuen Minister. Er bedeutet das Ende von Fördergeldern, Posten, Einfluss und Netzwerken.

Deshalb wirkt manches Handeln der politischen Klasse wie der verzweifelte Versuch, den eigenen Machterhalt über den Wählerwillen zu stellen. Politische Konkurrenten werden nicht mehr nur bekämpft, sondern moralisch delegitimiert. Ganze Parteien sollen von jeder Regierungsverantwortung ferngehalten werden, unabhängig davon, wie viele Bürger sie wählen. Der politische Gegner wird nicht mehr als Mitbewerber betrachtet, sondern als Gefahr, die es auszuschalten gilt.

Eine Demokratie lebt aber nicht davon, dass die „richtigen“ Parteien regieren. Sie lebt davon, dass die Bürger entscheiden. Punkt.

Wenn führende Politiker erklären, bestimmte Wahlausgänge dürften sich nicht in Regierungsverantwortung niederschlagen, dann beschädigt das das Vertrauen in die demokratischen Spielregeln. Wer den Eindruck vermittelt, das Ergebnis einer Wahl dürfe nur gelten, wenn es den eigenen Vorstellungen entspricht, spielt mit dem Fundament unseres Gemeinwesens.

Gleichzeitig wird der Staat immer fordernder. Neue Schulden in historischer Höhe. Immer neue Eingriffe. Immer neue Pflichten. Immer neue Begründungen, warum der Bürger verzichten müsse, während der Staatsapparat wächst wie Unkraut nach einem Sommerregen.

Und nun wird sogar darüber gesprochen, Menschen notfalls zum Dienst für den Staat zu verpflichten. Aus Freiwilligkeit wird Erwartung. Aus Erwartung wird Pflicht. Aus Pflicht kann sehr schnell Zwang werden. Die Geschichte Europas lehrt, wie vorsichtig Demokratien mit dieser Entwicklung umgehen sollten.

Der eigentliche Skandal ist jedoch ein anderer: Immer mehr Menschen verlieren das Vertrauen, dass ihre Stimme überhaupt noch politische Konsequenzen hat. Dieses Misstrauen entsteht nicht durch die Bürger. Es entsteht durch Politiker, die den Eindruck vermitteln, Wahlergebnisse seien nur dann akzeptabel, wenn sie ihnen gefallen.

Eine freie Gesellschaft braucht keine Einheitsmeinung. Sie braucht die Bereitschaft, Macht auch wieder abzugeben. Wer das verlernt, entfernt sich vom Geist der Demokratie.

Die größte Gefahr für eine Demokratie ist nicht eine unbequeme Opposition.

Wenn Wahlergebnisse plötzlich nur noch Empfehlungen sind

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