Nicht „die Lage“ ist vom Himmel gefallen. Politik hat Entscheidungen getroffen.
„Ich war mal vor 20 Jahren in der Bundeswehr, und das war eigentlich eine nette Zeit.“
Mit solchen Erinnerungen hofft der Präsident des Reservistenverbandes offenbar, ehemalige Soldaten wieder für die Bundeswehr und die Reserve begeistern zu können.
Eine nette Zeit.
Man könnte darüber lachen, wenn das Thema nicht so verdammt ernst wäre.
Denn hier geht es nicht um ein Veteranentreffen, ein Wochenende auf dem Truppenübungsplatz oder ein nostalgisches Wiedersehen mit alten Kameraden.
Es geht darum, Deutschland auf eine militärische Auseinandersetzung vorzubereiten, bei der seit Jahren ein Gegner immer wieder ausdrücklich genannt wird:
Russland.
Verteidigungsminister Boris Pistorius hat dafür selbst den bemerkenswerten Begriff geprägt:
Deutschland müsse „kriegstüchtig“ werden.
Nicht irgendwann. Sondern nach seinen bisherigen Aussagen bis 2029.
Nein, „die Lage“ hat sich nicht einfach verschärft
- Diese Formulierung hört man ständig.
- „Die Sicherheitslage hat sich verändert.“
- „Die Bedrohungslage hat sich verschärft.“
- „Deutschland muss reagieren.“
Als handele es sich um ein Unwetter.
Nein.
Internationale Politik wird von Menschen gemacht.
Politiker entscheiden, welche Konflikte sie eskalierend kommentieren, welche Waffen sie liefern, welche militärischen Strukturen sie aufbauen, welche Szenarien sie öffentlich beschwören und bei welchen Kriegen sie plötzlich erstaunlich viel Gelassenheit entdecken.
Und genau deshalb lohnt sich der Vergleich.
Wenn Russland handelt, scheint in Berlin inzwischen beinahe jede Entwicklung als weiterer Beweis dafür zu gelten, dass Deutschland schneller aufrüsten, mehr Soldaten gewinnen, mehr Reservisten aktivieren und „kriegstüchtiger“ werden müsse.
Bei anderen militärischen Konflikten funktioniert die politische Sprache erstaunlicherweise anders.
Wo war eigentlich die deutsche „Kriegstüchtigkeit“, als die USA Krieg führten?
Als die USA und Israel 2026 den Iran angriffen, erklärte Verteidigungsminister Pistorius im Bundestag:
- Deutschland ist nicht Kriegspartei.
- Interessant.
- Plötzlich war Distanzierung möglich.
- Plötzlich musste Deutschland nicht selbst Krieg führen.
Plötzlich konnte man zwischen den Interessen eines Verbündeten und den eigenen Interessen unterscheiden.
Genau diese Fähigkeit zur politischen Distanz vermisst man in der Russland-Debatte zunehmend.
Denn selbstverständlich muss Deutschland verteidigungsfähig sein.
Aber zwischen verteidigungsfähig und kriegstüchtig liegt nicht nur ein sprachlicher Unterschied.
Dazwischen liegt eine politische Geisteshaltung.
Wer ständig vom Krieg spricht, darf sich über mangelnde Begeisterung nicht wundern
Seit Jahren werden die Deutschen mit immer neuen militärischen Forderungen konfrontiert.
- Mehr Waffen.
- Mehr Munition.
- Mehr Soldaten.
- Mehr Reservisten.
- Mehr Verteidigungsausgaben.
- Mehr Übungen.
- Mehr militärische Infrastruktur.
Und selbstverständlich immer wieder Russland.
Dann stellt man einigermaßen überrascht fest, dass junge Menschen nicht in ausreichender Zahl zur Bundeswehr strömen und ehemalige Soldaten offenbar auch nicht scharenweise darum bitten, wieder Reservist werden zu dürfen.
Also verschickt man Briefe.
Vielleicht erinnert sich ja jemand:
„Das war eigentlich eine nette Zeit.“
Das ist geradezu grotesk.
Denn die entscheidende Frage lautet doch nicht, ob jemand vor zwanzig oder dreißig Jahren beim Bund nette Kameraden hatte.
Die entscheidende Frage lautet:
Für welches politische Szenario soll dieser Mensch heute wieder Soldat werden?
Sagt den Menschen wenigstens, worauf ihr sie vorbereitet
Wenn Deutschland Hunderttausende zusätzliche aktive Soldaten und Reservisten benötigt, dann verdienen die Bürger eine ehrliche Antwort.
Nicht:
„Erinnern Sie sich noch an Ihre schöne Bundeswehrzeit?“
Sondern:
Wir bereiten Deutschland militärisch auf die Möglichkeit eines großen europäischen Krieges vor.
Das wäre wenigstens ehrlich.
Dann könnte man nämlich endlich über die Fragen diskutieren, die viel zu selten gestellt werden:
Warum wird ein direkter Konflikt mit Russland inzwischen mit einer Selbstverständlichkeit durchgespielt, die noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen wäre?
Warum wird Diplomatie gegenüber Russland beinahe schon behandelt, als müsse man sich dafür entschuldigen?
Warum wird bei manchen militärischen Konflikten vor Eskalation gewarnt, während gegenüber Russland ständig neue rote Linien verschoben werden?
Und vor allem:
Wer trägt am Ende das Risiko dieser Politik?
Ganz sicher nicht allein diejenigen, die sie in Berlin entwerfen.
Ein Krieg mit Russland wäre kein Afghanistan und kein Irak
Das scheint in manchen politischen Debatten geradezu verdrängt zu werden.
Russland besitzt eines der größten Atomwaffenarsenale der Welt.
Ein direkter Krieg zwischen NATO und Russland wäre deshalb kein begrenztes außenpolitisches Abenteuer.
Er könnte zur größten Katastrophe Europas seit 1945 werden.
Und Deutschland läge dabei nicht irgendwo am Rand.
Deutschland wäre aufgrund seiner militärischen Infrastruktur, seiner NATO-Strukturen, seiner Verkehrswege, seiner Flugplätze und seiner logistischen Bedeutung mitten im Geschehen.
Wer dafür Hunderttausende Soldaten und Reservisten bereitstellen möchte, sollte deshalb etwas mehr anzubieten haben als:
„Das war damals doch eine nette Zeit.“
Vielleicht wollen die Menschen einfach nicht Teil eines Himmelfahrtskommandos werden
Möglicherweise liegt das Personalproblem der Bundeswehr also gar nicht ausschließlich daran, dass man die Menschen noch nicht freundlich genug angeschrieben hat.
Vielleicht denken manche ehemaligen Soldaten schlicht weiter.
Vielleicht fragen sie sich:
Was genau soll ich dort eigentlich verteidigen und gegen wen soll ich möglicherweise kämpfen?
Vielleicht fragen sie:
Was tut meine Regierung eigentlich dafür, dass dieser Krieg niemals stattfindet?
Und vielleicht möchten sie wissen:
Warum scheint Diplomatie inzwischen weniger politische Energie zu bekommen als Aufrüstung?
Das sind keine feigen Fragen.
Das sind die Fragen vernünftiger Menschen.
Denn Soldaten wissen im Zweifel besser als viele Politiker, was Krieg tatsächlich bedeutet.
Krieg wird von Politikern beschlossen und von anderen ausgefochten
Das ist schließlich die älteste Arbeitsteilung der Menschheitsgeschichte.
Die einen halten Reden.
Die anderen tragen die Gewehre.
Die einen sprechen von „Kriegstüchtigkeit“.
Die anderen bekommen Einberufungsbescheide.
Die einen erklären historische Herausforderungen.
Die anderen liegen irgendwann im Schützengraben.
Und deshalb sollte jeder Politiker, der immer neue Soldaten fordert, öffentlich eine sehr einfache Frage beantworten:
Welche diplomatischen Initiativen verfolgt Deutschland mit derselben Energie, mit der es gerade seine militärischen Fähigkeiten ausbaut?
Denn Verteidigungsfähigkeit ist vernünftig.
Abschreckung kann notwendig sein.
Aber eine Politik, die hervorragend erklären kann, wie Deutschland einen Krieg führen soll, und immer schlechter erklären kann, wie Deutschland einen Krieg verhindern will, hat ein gewaltiges Problem.
Schickt ruhig eure Briefe
Vielleicht meldet sich tatsächlich der eine oder andere ehemalige Soldat.
Vielleicht erinnert er sich an Kameradschaft, Grundausbildung und eine Zeit seines Lebens, die ihm etwas bedeutet hat.
Aber behandelt diese Menschen nicht wie Idioten.
Sie wissen, dass zwischen dem Wehrdienst von damals und der heutigen sicherheitspolitischen Situation ein erheblicher Unterschied besteht.
Sie hören die Reden von „Kriegstüchtigkeit“.
Sie sehen die Aufrüstung.
Sie sehen die Planungen.
Sie sehen, welcher Gegner immer wieder genannt wird.
Und sie sehen gleichzeitig, wie unterschiedlich Berlin auf Kriege reagiert, je nachdem, wer sie führt.
Deshalb verdient jeder ehemalige Soldat eine bessere Begründung als nostalgische Erinnerungen.
Denn wenn deutsche Politik tatsächlich glaubt, dieses Land auf den Ernstfall vorbereiten zu müssen, dann soll sie den Bürgern endlich vollständig erklären, welcher Ernstfall gemeint ist, wie Deutschland dort wieder herauskommen soll und was politisch unternommen wird, damit er niemals eintritt.
Bis dahin bleibt von dem Satz über die „nette Zeit“ vor allem eines:
eine erschreckend naive Verniedlichung dessen, worum es heute tatsächlich geht.
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