Es gibt politische Fehlentscheidungen, die sich nach einigen Jahren korrigieren lassen. Und es gibt historische Weichenstellungen, bei denen irgendwann nur noch die Rücklichter des Zuges zu sehen sind.
Europa muss sich langsam mit dem unangenehmen Gedanken beschäftigen, dass wir bei der Neuordnung der Weltwirtschaft möglicherweise auf dem falschen Bahnsteig stehen.
Während wir uns jahrelang eingeredet haben, die westlich dominierte Ordnung sei praktisch alternativlos, baut der Rest der Welt längst an Alternativen. Nicht über Nacht. Nicht mit einer großen Revolution. Sondern Schritt für Schritt, Gipfel für Gipfel, Institution für Institution.
Die Abschlusserklärung des BRICS-Gipfels von Neu-Delhi ist dafür ein bemerkenswertes Dokument.
Es geht längst nicht mehr um einen Debattierclub
BRICS umfasst inzwischen elf Vollmitglieder und eine wachsende Zahl von Partnerstaaten. Der Staatenverbund repräsentiert heute nahezu die Hälfte der Menschheit und rund 40 Prozent der Weltwirtschaft, gemessen an der Kaufkraftparität.
Man sollte diese Größenordnung einmal wirken lassen.
Fast jeder zweite Mensch auf diesem Planeten lebt in einem BRICS-Staat.
Und das Entscheidende ist nicht einmal die heutige Zahl. Entscheidend ist die Richtung.
BRICS wird größer.
Weitere Staaten suchen die Annäherung. Gleichzeitig gehören mit China und Indien zwei der bedeutendsten Wachstumszentren der Welt dazu. Indonesien bringt mehr als 280 Millionen Menschen ein, hinzu kommen wichtige Rohstoff-, Energie- und Absatzmärkte.
Wer daraus noch immer einen exotischen Gesprächskreis irgendwelcher Schwellenländer macht, betrachtet die Welt vermutlich noch durch die wirtschaftspolitische Brille von 1995.
Die Welt hat sich nur leider nicht verpflichtet, auf Europa zu warten.
Die eigentliche Botschaft von Neu-Delhi
Die Abschlusserklärung ist deshalb so interessant, weil BRICS nicht verkündet, morgen früh den Dollar abzuschaffen oder ein vollständig neues Weltfinanzsystem einzuführen.
Das wäre großspurig und vermutlich unrealistisch.
Stattdessen geschieht etwas möglicherweise viel Bedeutenderes.
BRICS arbeitet daran, Abhängigkeiten zu reduzieren.
Die Staaten wollen den Handel in Landeswährungen erleichtern, grenzüberschreitende Zahlungssysteme besser miteinander verbinden und schnellere, billigere sowie unabhängiger funktionierende Zahlungswege entwickeln. Auch die Finanzminister und Zentralbanken haben die bessere Interoperabilität der Zahlungssysteme ausdrücklich vorangetrieben.
Hinzu kommen Investitionsstrukturen, die New Development Bank, ein finanzielles Sicherheitsnetz und die Forderung nach größerem Einfluss der Schwellenländer in IWF und Weltbank.
Das Ziel lautet nicht zwingend:
„Wir schaffen den Westen ab.“
Es lautet vielmehr:
„Wir wollen den Westen nicht mehr für alles brauchen.“
Und genau dieser Unterschied wird in Europa sträflich unterschätzt.
Sanktionen verlieren ihre Macht, wenn Alternativen entstehen
Besonders deutlich wird das bei Sanktionen.
Die Erklärung richtet sich gegen einseitige wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen und gegen Handelsbeschränkungen, die nach Auffassung der BRICS-Staaten nicht mit dem internationalen Recht oder den WTO-Regeln vereinbar sind.
Man kann diese Position teilen oder ablehnen.
Aber wirtschaftspolitisch muss man verstehen, was dahintersteht.
Die Macht westlicher Sanktionen beruhte jahrzehntelang darauf, dass ein großer Teil des internationalen Handels, der Finanzierung, der Versicherungen und des Zahlungsverkehrs über westlich kontrollierte oder dominierte Strukturen lief.
Wer davon ausgeschlossen wurde, hatte ein gewaltiges Problem.
Was passiert aber, wenn immer mehr Staaten eigene Zahlungswege, Finanzierungsmöglichkeiten, Handelsbeziehungen, Versicherungen und Reserveinstrumente entwickeln?
- Dann verschwindet die westliche Macht nicht plötzlich.
- Aber sie erodiert.
- Prozent für Prozent.
- Geschäft für Geschäft.
- Jahr für Jahr.
Und Europa?
Hier beginnt der traurige Teil.
Deutschland hätte eigentlich hervorragende Voraussetzungen gehabt, ein wirtschaftliches Bindeglied zwischen West und Ost, Nord und Süd zu sein.
Wir besitzen jahrzehntelange Industrieerfahrung, Maschinenbau, Chemie, Anlagenbau, Automobilindustrie, Forschung, Mittelstand und einen hervorragenden Ruf deutscher Ingenieurskunst.
Deutschland hätte mit China handeln können, mit Indien kooperieren, mit Brasilien Geschäfte machen, Beziehungen nach Afrika ausbauen und gleichzeitig eng mit den Vereinigten Staaten verbunden bleiben.
Wir hätten Brücke sein können.
Stattdessen haben wir uns immer stärker auf eine geopolitische Lagerlogik eingelassen.
Washington definiert seine strategischen Gegner, und Europa soll sich möglichst ordentlich dahinter einsortieren.
- China? Risiko.
- Russland? Abkoppeln.
- Iran? Sanktionen.
- Technologie? Kontrollieren.
- Handel? Politisch überprüfen.
- Investitionen? Sicherheitspolitisch betrachten.
Und irgendwann wundert man sich in Berlin und Brüssel, dass genau diese Länder beginnen, miteinander Strukturen aufzubauen.
Das ist ungefähr so überraschend wie Regen nach dunklen Wolken. Aber politische Strategen schaffen es bekanntlich immer wieder, Naturgesetze als unerwartete Entwicklung zu verkaufen.
Unser vielleicht größter Fehler war die Selbstüberschätzung
Wir glaubten lange, andere Länder seien stärker auf uns angewiesen als wir auf sie.
Das war einmal teilweise richtig.
Aber China braucht deutsche Technologie heute weniger dringend als vor 25 Jahren. Indien baut eigene industrielle und technologische Kapazitäten auf. Andere asiatische Staaten entwickeln sich ebenfalls rasant.
Gleichzeitig entstehen neue Handelsachsen.
- China handelt mit Brasilien.
- Indien mit Russland.
- China mit den Golfstaaten.
- Russland mit Indien.
- Brasilien mit China.
- Afrikanische Staaten orientieren sich zunehmend in mehrere Richtungen gleichzeitig.
Und genau das ist Multipolarität.
Nicht, dass Amerika morgen bedeutungslos wäre. Das ist Unsinn. Die USA bleiben eine wirtschaftliche, militärische, technologische und finanzielle Supermacht.
Aber sie sind nicht mehr der einzige Mittelpunkt des Systems.
Europa scheint diesen Unterschied noch immer nicht vollständig verstanden zu haben.
Das Bitterste: BRICS muss uns gar nicht besiegen
Vielleicht liegt genau hier das größte Missverständnis.
BRICS braucht keinen großen Triumph über den Westen.
China, Indien, Brasilien und die anderen Staaten müssen weder den Dollar vernichten noch NATO, EU oder IWF beseitigen.
Es genügt vollkommen, Alternativen aufzubauen.
Wenn ein indisches Unternehmen seine chinesischen Waren bezahlen kann, ohne zwingend Dollar zu verwenden, ist eine kleine Abhängigkeit verschwunden.
Wenn Russland Energie verkaufen kann, ohne westliche Finanzkanäle zu benötigen, verschwindet die nächste.
Wenn Entwicklungsländer Kredite außerhalb traditioneller westlicher Institutionen erhalten können, entsteht eine weitere Alternative.
Wenn Handelsströme zunehmend innerhalb des Globalen Südens verlaufen, sinkt wiederum die Bedeutung Europas.
So verändert sich Weltmacht.
Nicht immer mit Panzern und Fahnen.
Manchmal mit Überweisungssystemen, Handelsverträgen und Kreditlinien.
Wir hätten dazugehören können, ohne Mitglied zu sein
Deutschland hätte selbstverständlich niemals BRICS-Mitglied werden müssen.
Darum geht es überhaupt nicht.
Wir hätten aber wirtschaftlich einer der wichtigsten europäischen Partner dieser neuen Welt sein können.
Ein selbstbewusstes Deutschland hätte Washington sagen können:
Ihr seid unser Partner und Verbündeter. Aber deutsche Wirtschaftsinteressen werden in Berlin entschieden.
- Wir handeln mit Indien.
- Wir handeln mit China.
- Wir handeln mit Brasilien.
- Wir suchen wirtschaftliche Beziehungen zu Afrika.
- Und wir zerstören nicht automatisch jahrzehntelang aufgebaute Märkte, nur weil sich geopolitische Interessen Washingtons verändern.
- Das wäre keine „Abkehr vom Westen“ gewesen.
- Es wäre schlicht Interessenpolitik gewesen.
Andere Staaten beherrschen diese Kunst erstaunlicherweise noch.
Stattdessen schauen wir dem Umbau hinterher
Die Tragik besteht deshalb nicht darin, dass BRICS existiert.
Die Tragik besteht darin, dass Europa diesen Wandel jahrelang unterschätzt hat.
Nun sitzt man in Brüssel, hält Reden über die „regelbasierte internationale Ordnung“ und stellt langsam fest, dass ein beträchtlicher Teil der Welt gerne bei der Formulierung dieser Regeln mitreden möchte.
Indiens Premier Narendra Modi beschreibt genau diesen Anspruch: Der Globale Süden will nicht länger nur Regeln übernehmen, sondern an ihrer Gestaltung beteiligt sein. Die Abschlusserklärung verlangt entsprechend eine repräsentativere internationale Ordnung und Reformen multilateraler Institutionen.
Das ist die eigentliche historische Botschaft von Neu-Delhi.
Die Welt außerhalb des Westens organisiert sich.
Nicht perfekt.
Nicht widerspruchsfrei.
BRICS hat erhebliche interne Interessengegensätze. Indien und China misstrauen einander in wichtigen Fragen, Iran und die Golfstaaten verfolgen unterschiedliche Interessen, und eine gemeinsame BRICS-Währung existiert nicht. Selbst bei gemeinsamen Zahlungssystemen bestehen erhebliche technische und politische Hindernisse.
Wer BRICS deshalb belächelt, begeht jedoch möglicherweise denselben Fehler noch einmal.
Denn man muss nicht in allem einer Meinung sein, um miteinander Geschäfte zu machen.
Der Zug fährt bereits
Und deshalb ist die Abschlusserklärung von Neu-Delhi weniger eine Kampfansage als ein Warnsignal.
Der Schwerpunkt der Weltwirtschaft verschiebt sich.
Langsam, aber sichtbar.
Bevölkerung, Rohstoffe, Produktion und Wachstum konzentrieren sich zunehmend außerhalb Europas. Gleichzeitig entstehen Institutionen, die diesen Staaten mehr wirtschaftliche Eigenständigkeit ermöglichen sollen.
Wir Europäer hätten daran hervorragend verdienen können.
Vielleicht könnten wir es noch immer.
Aber dafür müsste Europa etwas wiederentdecken, das in den vergangenen Jahren erstaunlich aus der Mode gekommen ist:
eigene Interessen.
Denn wer seine Außenwirtschaftspolitik dauerhaft an den strategischen Vorstellungen einer anderen Großmacht ausrichtet, darf sich irgendwann nicht wundern, wenn andere Staaten ihre Zukunft ohne ihn planen.
Heute können Politiker in Berlin und Brüssel BRICS noch belächeln.
Sie können über China dozieren, Russland sanktionieren und dem Globalen Süden erklären, welche internationale Ordnung für ihn die richtige sei.
Doch die Zahlen werden unerbittlicher.
Fast die Hälfte der Menschheit befindet sich bereits im BRICS-Raum. Weitere Staaten suchen Nähe und Kooperation.
Vielleicht werden diejenigen, die heute noch mit sehr großer Stimme auftreten, tatsächlich eines Tages deutlich leiser sprechen.
Nicht weil BRICS den Westen „besiegt“ hätte.
Sondern weil der Westen irgendwann feststellen könnte, dass die Welt gelernt hat, auch ohne seine Erlaubnis Geschäfte zu machen.
Und für Deutschland wäre das die bitterste Pointe überhaupt:
- Wir hätten Teil dieser wirtschaftlichen Brücke sein können.
- Wir hatten Technologie.
- Wir hatten Industrie.
- Wir hatten Märkte.
- Wir hatten Beziehungen.
- Wir hatten die Chance.
Und während andere die neue Weltwirtschaft bauten, waren wir damit beschäftigt, Washington zu beweisen, wie zuverlässig wir auf der alten Seite des Bahnsteigs stehen.
Der Zug ist inzwischen abgefahren.
Und das Geräusch, das man hört, könnte eines Tages nicht das Rollen seiner Räder sein.
Es könnte das langsame Zuschlagen der Türen sein.
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