Es sind Nachrichten, die das Vertrauen einer ganzen Generation in die soziale Marktwirtschaft erschüttern dürften: Influencer müssen Steuern zahlen.
Man muss diesen Satz erst einmal wirken lassen.
Da bemüht sich ein junger Mensch jahrelang, hält morgens seinen Matcha Latte in die Kamera, fotografiert sich vor einem gemieteten Sportwagen, erklärt seinen Followern mit ernster Miene, warum dieses eine Proteinpulver sein Leben verändert hat, und dann kommt plötzlich der Staat und behauptet allen Ernstes: Einnahmen seien Einnahmen.
Wie herzlos kann ein Gemeinwesen eigentlich sein?
438.000 Euro. Einfach weg!
In Baden-Württemberg soll die Steuerfahndung innerhalb eines halben Jahres bereits rund 438.000 Euro Steuernachzahlungen hereingeholt haben. Rund 100 Fälle aus dem Social-Media-Bereich würden aktuell bei Steuerfahndungs-, Straf- und Bußgeldstellen bearbeitet, heißt es in dem Bericht.
Man möchte beinahe einen Spendenaufruf starten.
Denn wie soll man seinen Followern noch glaubwürdig das „unfassbar geile neue Life“ präsentieren, wenn plötzlich ein Teil der Einnahmen für derart profane Dinge wie Einkommensteuer, Umsatzsteuer und den deutschen Staatshaushalt draufgeht?
Früher war die Welt noch übersichtlich: Der Handwerker schreibt eine Rechnung. Der Angestellte bekommt seine Lohnabrechnung. Der Unternehmer beschäftigt einen Steuerberater.
Aber ein Influencer?
Der hat doch Content.
Das muss steuerrechtlich schließlich etwas völlig anderes sein.
„Das habe ich geschenkt bekommen!“
Besonders interessant wird es bei Sachleistungen. Firmen bezahlen Influencer schließlich nicht immer nur mit Geld. Da gibt es Reisen, Kleidung, Kosmetik, Technik oder andere hübsche Dinge, die selbstverständlich ausschließlich deshalb kostenlos vor der Haustür landen, weil Unternehmen ein großes Herz für Menschen mit vielen Instagram-Followern besitzen.
Und dann taucht ausgerechnet das Finanzamt auf und interessiert sich für den wirtschaftlichen Wert solcher Geschäftsbeziehungen.
Diese Beamten können einem wirklich jede Romantik nehmen.
Die Steuerverwaltung will nun verstärkt Daten und Informationen aus digitalen Quellen auswerten und nach Auffälligkeiten suchen.
Das ist besonders gemein.
Denn Influencer besitzen gegenüber klassischen Steuerhinterziehern einen kleinen konstruktiven Nachteil: Sie dokumentieren ihr wirtschaftliches Leben teilweise selbst im Internet.
„Schaut mal, Leute, ich bin schon wieder auf einer kostenlosen Luxusreise!“
Finanzamt: Interessant.
„Hier ist mein neuer Kooperationspartner!“
Finanzamt: Noch interessanter.
„Mit meinem persönlichen Rabattcode bekommt ihr 20 Prozent!“
Finanzamt: Wir sollten uns kennenlernen.
Es gehört schon eine gewisse menschliche Kreativität dazu, mögliche steuerpflichtige Einnahmen vor einer Behörde verbergen zu wollen und gleichzeitig 180.000 Menschen davon zu erzählen.
Willkommen im Erwachsenenleben
Nun folgt also die grausame Erkenntnis: Wer mit Instagram, TikTok, YouTube und Co. tatsächlich Geld verdient, betreibt nicht einfach nur ein besonders lukratives Hobby.
Er kann steuerlich Unternehmer sein.
Völlig verrücktes Konzept.
Und damit gelten grundsätzlich dieselben Regeln wie für den Elektriker, den Gastwirt, die Friseurin oder den kleinen Onlinehändler, dessen Steuerberater bereits bei einer fehlenden Tankquittung nervös zu zucken beginnt.
Genau darin liegt übrigens die unfreiwillige Komik der Geschichte: Jahrzehntelang wurde Digitalisierung als Aufbruch in eine völlig neue Welt verkauft.
Und am Ende dieser neuen Welt sitzt wieder jemand mit Taschenrechner und sagt:
„Da fehlt noch was.“
Der wirklich brutale Teil
Dabei könnte man fast Mitleid bekommen.

Da hat einem vielleicht jahrelang niemand erklärt, dass „Kooperation“ keine geheimnisvolle neue steuerrechtliche Einkunftsart ist und „Sponsored Content“ nicht automatisch „Sponsored by Finanzamt“ bedeutet.
Nun verschickt die Steuerverwaltung Kontrollmitteilungen.
Knapp 900 Stück sollen es allein im vergangenen Jahr gewesen sein.
Und irgendwo sitzt vermutlich gerade jemand zwischen Ringlicht und Louis-Vuitton-Tasche und erlebt die härteste Erkenntnis seiner bisherigen Karriere:
Das Finanzamt folgt einem zwar nicht auf Instagram. Es bekommt einen aber trotzdem irgendwann.
Willkommen in der Welt der Selbstständigen.
Hier gibt es Rechnungen, Buchhaltung, Steuererklärungen und gelegentlich unangenehme Briefe.
Aber keine Sorge: Das lässt sich bestimmt hervorragend monetarisieren.
„FINANZAMT KOMPLETT ESKALIERT!!! 😱 ICH MUSS 18.000 EURO ZAHLEN!!!“
Teil 2 dann exklusiv für Abonnenten.
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