Wieder PISA. Wieder schlechte Nachrichten. Wieder Deutschland auf dem Weg nach unten. Man könnte inzwischen fast die alten Pressemitteilungen aus der Schublade holen, nur die Jahreszahl ändern und anschließend betroffen erklären, nun müsse aber wirklich etwas geschehen.
Die neuen PISA-Ergebnisse liefern Deutschland erneut keinen Grund zum Feiern. Nach den veröffentlichten Ergebnissen setzt sich die problematische Entwicklung bei den Kompetenzen deutscher Schülerinnen und Schüler fort.
Das eigentlich Erschreckende daran ist längst nicht mehr ein einzelner Ranglistenplatz.
Es ist die Entwicklung.
Von einem Tiefstand zum nächsten
Bereits PISA 2022 war ein historischer Warnschuss. Deutschland erzielte damals in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften die schlechtesten Werte seit Beginn der deutschen PISA-Teilnahme im Jahr 2000. Gegenüber 2018 entsprach der Rückgang in Mathematik und Lesen ungefähr dem Lernfortschritt eines ganzen Schuljahres.
Und nun stehen wir wieder vor ernüchternden Ergebnissen.
Irgendwann sollte man deshalb aufhören, von einem „PISA-Schock“ zu sprechen. Ein Schock ist etwas Unerwartetes.
Wer alle paar Jahre dieselbe Entwicklung präsentiert bekommt und anschließend wieder überrascht dreinschaut, erlebt keinen Schock mehr.
Er dokumentiert politisches Versagen.
Die Überschrift „Deutschland wird dümmer“ ist natürlich bewusst polemisch. PISA misst keine Intelligenz und schon gar nicht den IQ eines ganzen Volkes.
Aber PISA misst etwas, das für eine moderne Gesellschaft mindestens ebenso entscheidend ist: ob junge Menschen lesen, mathematisch denken, naturwissenschaftliche Zusammenhänge verstehen und Wissen anwenden können.
Und genau dort liegt das Problem.
Ein Viertel kann nicht einfach wegmoderiert werden
Schon 2022 erreichten in Deutschland rund 30 Prozent der 15-Jährigen in Mathematik nicht einmal Kompetenzstufe 2. Beim Lesen waren es rund 25 Prozent.
Gleichzeitig hatte sich der Anteil der Jugendlichen unterhalb dieser grundlegenden Kompetenzschwelle gegenüber 2012 in Mathematik um zwölf Prozentpunkte und beim Lesen um elf Prozentpunkte erhöht.
Das sind keine abstrakten Ranglistenplätze.
Lesekompetenz bedeutet, Informationen aus Texten herauszufiltern, Zusammenhänge zu erkennen und Aussagen einordnen zu können.
Mathematik bedeutet nicht nur komplizierte Formeln, sondern logisches Denken, Größenordnungen, Wahrscheinlichkeiten und den sicheren Umgang mit Zahlen.
Eine Gesellschaft, in der immer größere Teile einer Generation damit Schwierigkeiten haben, bekommt irgendwann nicht nur ein Schulproblem.
Sie bekommt ein wirtschaftliches, gesellschaftliches und letztlich auch demokratisches Problem.
Denn wer Informationen nicht sicher erfassen kann, hat es schwerer in Ausbildung und Beruf. Wer Zahlen nicht versteht, kann Statistiken schlechter beurteilen. Und wer komplexe Texte kaum erschließen kann, wird auch Schwierigkeiten haben, politische, wirtschaftliche oder rechtliche Zusammenhänge selbstständig zu bewerten.
Das ist der Punkt, an dem eine Bildungskrise zur Staatskrise werden kann.
Und wieder werden Erklärungen gesucht
Natürlich wird man Gründe finden.
- Corona.
- Soziale Herkunft.
- Migration.
- Lehrermangel.
- Digitalisierung.
- Smartphones.
- Elternhäuser.
- Unterrichtsausfall.
Alles davon verdient eine ernsthafte Betrachtung. Aber irgendwann muss Politik akzeptieren, dass Erklärungen keine Entschuldigung für jahrelanges Nichtstun sind.
Die OECD-Daten zeigten beispielsweise, dass bereits 2022 73 Prozent der deutschen Schülerinnen und Schüler Schulen besuchten, deren Leitungen angaben, dass Lehrermangel die Unterrichtsmöglichkeiten beeinträchtige. 2018 waren es noch 57 Prozent.
Auch die soziale Herkunft schlägt in Deutschland stark durch. Der Leistungsunterschied in Mathematik zwischen sozial privilegierten und benachteiligten Jugendlichen betrug 2022 111 PISA-Punkte, deutlich mehr als der OECD-Durchschnitt von 93 Punkten.
Das ist für ein Land, das bei jeder Gelegenheit „Bildungsgerechtigkeit“ beschwört, eine bemerkenswert schlechte Bilanz.
Vielleicht sollte Schule wieder Schule sein
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Was soll Schule eigentlich leisten?
- Vielleicht wäre es revolutionär, Lesen wieder so lange zu üben, bis Kinder sicher lesen können.
- Rechnen, bis sie rechnen können.
- Schreiben, bis sie verständlich schreiben können.
- Naturwissenschaften vermitteln, bis grundlegende Zusammenhänge verstanden werden.
- Geschichte lehren, statt sie auf politisch erwünschte Botschaften zu reduzieren.
- Und Kindern, die die Unterrichtssprache nicht ausreichend beherrschen, zunächst intensiv Deutsch beizubringen, weil nahezu jedes andere Schulfach auf dieser Fähigkeit aufbaut.
Vor allem aber sollte Schule wieder stärker das sein, was ihr Name eigentlich verspricht:
ein Ort der Bildung und Wissensvermittlung und keine politische Erziehungsanstalt.
- Politische Bildung gehört selbstverständlich in die Schule. Demokratie, Grundgesetz, deutsche und europäische Geschichte, politische Institutionen und unterschiedliche gesellschaftliche Positionen müssen jungen Menschen vermittelt werden.
- Aber politische Bildung bedeutet nicht politische Erziehung zu einer bestimmten Meinung.
- Ein Lehrer darf erklären, was CDU, SPD, AfD, Grüne, Linke oder andere Parteien vertreten. Er darf politische Streitfragen analysieren und unterschiedliche Argumente gegenüberstellen.
- Was er nicht tun sollte, ist Schülern zu vermitteln, welche demokratisch zugelassene Partei sie gut oder schlecht zu finden haben.
Schüler sollen lernen, sich eine Meinung zu bilden. Sie sollen nicht lernen, welche Meinung sie haben sollen.
Das gilt unabhängig davon, um welche Partei es geht.
Schule darf keine Feindbilder gegenüber politischen Parteien oder gesellschaftlichen Gruppen aufbauen. Sie darf aber selbstverständlich politische Positionen kritisch untersuchen und muss auch Extremismus, Verfassungsfeindlichkeit und historische Zusammenhänge behandeln.
Der Unterschied liegt in der Methode:
analysieren statt agitieren.
Gender, Klima und politische Weltanschauungen
Dasselbe Prinzip muss für gesellschaftliche und wissenschaftliche Kontroversen gelten.
Fragen zu Geschlecht, Identität und unterschiedlichen gesellschaftlichen Lebensentwürfen können Gegenstand des Unterrichts sein. Aber weltanschauliche oder theoretische Positionen dürfen nicht einfach als unumstößliche Wahrheit vermittelt werden, wenn darüber wissenschaftlich oder gesellschaftlich kontrovers diskutiert wird.
Schüler müssen unterschiedliche Auffassungen kennenlernen und anschließend selbst urteilen dürfen.
Auch Klima- und Umweltfragen gehören selbstverständlich in die Schule.
Der Klimawandel, der Treibhauseffekt, Energiegewinnung, Ökosysteme, Umweltverschmutzung und Ressourcenverbrauch sind legitime und wichtige Unterrichtsinhalte.
Aber auch hier sollte gelten:
Wissenschaft vermitteln, nicht Aktivismus betreiben.
Naturwissenschaftlicher Unterricht soll Messwerte, Modelle, Zusammenhänge, Unsicherheiten und den jeweiligen Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse erklären.
Er soll nicht dazu dienen, Schüler für politische Bewegungen, Parteien oder gesellschaftspolitische Programme zu mobilisieren.
Ein Lehrer darf persönliche politische Überzeugungen haben. Natürlich darf er das. Er ist Bürger dieses Landes.
Aber das Klassenzimmer ist keine Parteizentrale.
Und das gilt in jede politische Richtung.
Weder linke noch rechte, weder grüne noch konservative Lehrer sollten ihre Position nutzen, um Schüler politisch auf Linie zu bringen.
Gerade weil zwischen einem erwachsenen Lehrer und einem minderjährigen Schüler ein erhebliches Autoritätsgefälle besteht, ist hier Zurückhaltung erforderlich.
Dafür gibt es längst einen Grundsatz
Deutschland besitzt dafür übrigens längst einen bemerkenswert vernünftigen bildungspolitischen Grundsatz: den Beutelsbacher Konsens.
Sein sogenanntes Überwältigungsverbot besagt im Kern, dass Schüler nicht mit einer gewünschten Meinung überrumpelt und daran gehindert werden dürfen, sich ein eigenes Urteil zu bilden.
Hinzu kommt das Kontroversitätsgebot: Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, soll grundsätzlich auch im Unterricht als kontrovers erscheinen.
Eigentlich simpel.
Nicht indoktrinieren. Informieren.
Nicht missionieren. Erklären.
Nicht vorschreiben, was gedacht werden soll. Lehren, wie man selbstständig denkt.
Genau darin müsste die Stärke einer demokratischen Schule liegen.
Eine selbstbewusste Demokratie braucht keine Schüler, die im Unterricht die politisch erwartete Antwort aufsagen können.
Sie braucht junge Menschen, die einen Text verstehen, Quellen prüfen, Statistiken lesen, Argumente gegeneinander abwägen und anschließend möglicherweise sogar zu einer Meinung gelangen, die ihrem Lehrer überhaupt nicht gefällt.
Das nennt man eigenständiges Denken.
Zurück zum Fundament
Und genau dafür braucht es zunächst wieder ein solides Fundament:
- Lesen.
- Schreiben.
- Mathematik.
- Naturwissenschaften.
- Geschichte.
- Geografie.
- Fremdsprachen.
- Allgemeinbildung.
- Logisches Denken.
Und eine politische Bildung, die verschiedene demokratische Positionen erklärt, statt gute und schlechte Gesinnungen zu verteilen.
Wenn immer mehr Jugendliche grundlegende Texte nicht sicher verstehen oder einfache mathematische Zusammenhänge nicht beherrschen, während gleichzeitig darüber gestritten wird, welche gesellschaftspolitischen Leitbilder die Schule noch vermitteln soll, läuft etwas grundsätzlich falsch.
Erst muss Schule jungen Menschen das Werkzeug zum Denken geben. Was sie anschließend damit denken, entscheiden sie selbst.
Das wäre keine Rückkehr in irgendeine pädagogisch verklärte Vergangenheit.
Es wäre schlicht Bildung.
Andere Länder zeigen, dass es besser geht
Deutschland kann sich auch nicht damit herausreden, dass überall die Leistungen sinken.
PISA 2022 zeigte zwar einen außergewöhnlichen Einbruch im OECD-Raum. Trotzdem lagen 18 Länder beziehungsweise Bildungssysteme gleichzeitig in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften über dem OECD-Durchschnitt.
Dazu gehörten unter anderem Estland, Japan, Korea, die Schweiz, Irland und das Vereinigte Königreich.
Singapur lag mit 575 Punkten in Mathematik sogar mehr als 100 Punkte vor Deutschland mit damals 475 Punkten.
Es geht also.
Nur offenbar nicht überall gleich gut.
Deutschland braucht keine nächste Betroffenheitsrunde
Das Schlimmste an schlechten PISA-Ergebnissen wäre deshalb nicht einmal der erneute Absturz.
Das Schlimmste wäre das inzwischen vertraute Ritual danach.
- Bildungspolitiker zeigen sich „besorgt“.
- Minister fordern eine „gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung“.
- Experten verlangen „neue Konzepte“.
- Arbeitsgruppen werden eingerichtet.
- Konferenzen veranstaltet.
- Programme aufgelegt.
Und einige Jahre später kommt PISA wieder vorbei und kontrolliert, was aus all den schönen Worten geworden ist.
Die Antwort kennen wir inzwischen.
Deutschland braucht keine weitere Debatte darüber, ob seine Bildungsprobleme wirklich dramatisch genug sind.
Es braucht eine schonungslose Bestandsaufnahme und eine Konzentration auf das Fundament: Deutsch, Lesen, Schreiben, Mathematik, Naturwissenschaften, Konzentrationsfähigkeit, Leistungsbereitschaft und verbindliche Standards.
Dazu gehören ausreichend Lehrer, vernünftige Unterrichtsbedingungen, Sprachförderung vor und während der Schule sowie die Bereitschaft, Defizite überhaupt noch klar zu benennen.
Eine Nation verblödet nicht über Nacht
Deutschland ist selbstverständlich nicht plötzlich ein Land voller dummer Menschen geworden.
Das wäre eine ebenso billige wie falsche Interpretation.
Viel gefährlicher ist etwas anderes:
Ein hochentwickeltes Land kann seine Bildungsfähigkeit langsam verlieren.
Jahrgang für Jahrgang.
PISA-Runde für PISA-Runde.
Erst fehlen grundlegende Fähigkeiten bei einem kleineren Teil der Schüler. Dann wird dieser Anteil größer.
Gleichzeitig fehlen Lehrer und Unterrichtsstunden.
Ausbildungsbetriebe beklagen mangelnde Grundkenntnisse.
Hochschulen müssen Grundlagen nachholen.
Unternehmen finden weniger geeignete Fachkräfte.
Und irgendwann wundert man sich, warum ein Land, das von Wissen, Forschung, Ingenieurskunst und hochqualifizierter Arbeit lebt, wirtschaftlich ebenfalls zurückfällt.
Bildungspolitik wirkt mit Verzögerung.
Genau deshalb ist ihr Versagen so gefährlich.
Eine kaputte Straße sieht jeder. Ein Bildungsdefizit bei einem Zehnjährigen erscheint zunächst in keiner volkswirtschaftlichen Bilanz.
Zehn oder fünfzehn Jahre später steht derselbe Mensch aber in einem Betrieb, einer Universität, einer Behörde oder vielleicht gar nicht erst erfolgreich im Berufsleben.
Dann wird aus dem Bildungsproblem ein volkswirtschaftliches Problem.
Die eigentliche PISA-Katastrophe
Vielleicht ist deshalb nicht irgendein einzelnes PISA-Ergebnis der größte Skandal.
Der eigentliche Skandal ist, dass Deutschland seit mehr als zwei Jahrzehnten regelmäßig vorgeführt bekommt, wo seine Schwächen liegen, und trotzdem keine nachhaltige Trendwende schafft.
Man kann über Ursachen streiten.
Man kann über Schulformen diskutieren.
Man kann über Migration, soziale Herkunft, Digitalisierung, Unterrichtsmethoden und Bildungsföderalismus erbitterte Debatten führen.
Nur eines lässt sich inzwischen schwer bestreiten:
So wie bisher kann es nicht weitergehen.
Eine Industrienation ohne großen Rohstoffreichtum lebt letztlich von dem, was ihre Menschen wissen und können.
Wenn genau dieses Kapital verfällt, verliert Deutschland nicht irgendeinen internationalen Schülervergleich.
Dann verspielt das Land seine Zukunft.
Und vielleicht sollte beim nächsten PISA-Ergebnis deshalb einmal niemand erklären, man sei „überrascht“.
Überraschend wäre mittlerweile nur noch, wenn endlich etwas besser würde.
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