Nation in tiefer Verwirrung
Die Welt steht still. Die Erde hat aufgehört, sich zu drehen. Experten berichten von Schockzuständen in Redaktionen, Wohnzimmern und politischen Talkshows.
Ausgerechnet Russlands Präsident Wladimir Putin behauptet nun, westliche Medien würden ihre Bürger täuschen. Was für eine ungeheuerliche Anschuldigung! Schließlich leben wir im Zeitalter vollkommen objektiver Berichterstattung, in dem Nachrichten niemals selektiv ausgewählt, niemals gewichtet und schon gar nicht mit politischer Schlagseite präsentiert werden.
Man stelle sich das einmal vor:
Unsere beste ARD.
Unser allerbestes ZDF.
Die stets ausgewogene Presse.
Die niemals voreingenommene Kommentatorenlandschaft.
Und natürlich die unfehlbaren Nachrichtenredaktionen, die Tag für Tag ausschließlich und vollständig berichten, was berichtet werden muss.
Soll das alles etwa nicht stimmen?
Unvorstellbar!
Putin kritisierte auf einer Pressekonferenz, dass über getötete Kinder auf russischer Seite kaum berichtet werde, während russische Angriffe wochenlang die Schlagzeilen dominierten. Eine geradezu absurde Behauptung. Denn wir wissen doch: Wenn etwas in den Abendnachrichten nicht vorkommt, dann ist es vermutlich auch nie passiert.
Das ist schließlich die moderne Definition von Realität.
Was nicht gesendet wird, existiert nicht.
Was nicht berichtet wird, hat nicht stattgefunden.
Und wenn darüber doch jemand spricht, handelt es sich wahrscheinlich um Desinformation, Verschwörungstheorien oder zumindest um eine äußerst problematische Sichtweise.
Man kann daher nur hoffen, dass die Bürger weiterhin fest an das Prinzip glauben:
Unsere Medien machen keine Fehler.
Unsere Medien haben keine blinden Flecken.
Unsere Medien berichten immer vollständig.
Und vor allem: Unsere Medien würden niemals Themen unterschiedlich gewichten, je nachdem, ob sie in das gewünschte politische Narrativ passen.
Niemals.
Wirklich niemals.
Die Vorstellung allein ist erschütternd.
Vielleicht sollte man vorsorglich eine bundesweite Trauerbeflaggung anordnen. Nicht wegen Putins Vorwürfen, sondern wegen des Schocks, den eine solche Behauptung auslöst.
Denn wenn sich tatsächlich herausstellen sollte, dass Medien – egal ob im Westen, Osten, Norden oder Süden – manchmal auswählen, weglassen, zuspitzen oder framen, dann stünde das Fundament unserer modernen Informationsgesellschaft vor einem Erdbeben historischen Ausmaßes.
Bis dahin dürfen wir beruhigt sein.
Die Wahrheit steht schließlich immer in der Zeitung.
Und wenn zwei Zeitungen etwas Unterschiedliches schreiben, dann sind selbstverständlich beide objektiv.
Eine Tragödie von geradezu Sondershausener Dimension.
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