Deutschlands neues Geschäftsmodell: Schrumpfen mit Haltung

Deutschland wächst. Also technisch gesehen. Um ganze 0,3 Prozent. Das ist ungefähr die wirtschaftliche Dynamik eines sedierten Faultiers auf Valium – aber in Brüssel spricht man vermutlich trotzdem noch von einem „wichtigen Transformationsprozess“.

Die einstige „Lokomotive Europas“ erinnert inzwischen eher an eine Dampflok ohne Kohle, ohne Schienen und mit einem Heizungsgesetz im Kessel. Während Länder wie Polen, Spanien oder Italien plötzlich Wachstumsraten vorweisen, die früher nur in deutschen Wirtschaftsberichten standen, feiert man hierzulande bereits das Ausbleiben des vollständigen Zusammenbruchs als politischen Erfolg.

0,3 Prozent Wachstum. Früher hätte man dafür einen Krisengipfel einberufen. Heute reicht es offenbar für eine Pressekonferenz mit ernster Miene und dem Hinweis, man befinde sich „auf einem guten Weg“.

Die große Kunst des wirtschaftlichen Rückbaus

Deutschland hat etwas geschafft, woran Generationen von Wettbewerbern scheiterten: die systematische Selbstdemontage einer Industrienation – und zwar moralisch aufgeladen, bürokratisch begleitet und medial beklatscht.

Die Energiepreise explodieren? Kein Problem. Dann produziert die Industrie eben woanders. Hauptsache, das schlechte Gewissen bleibt klimaneutral.

Unternehmen wandern ab? Wunderbar. Das reduziert schließlich den CO₂-Ausstoß in Deutschland. Dass derselbe Betrieb dann in China weiterproduziert, ist nur ein Detail für Menschen mit unfreundlicher Realitätsorientierung.

Investitionen brechen ein? Vielleicht investieren Unternehmer einfach zu wenig in Haltung und zu viel in Wirtschaftlichkeit. Das muss man heutzutage schon kritisch hinterfragen dürfen.

Der Industriestandort als Freilichtmuseum

Die Bundesregierung wirkt dabei wie eine Reisegruppe, die mitten im brennenden Gebäude noch den Fluchtplan diskutiert. Kanzler Merz und seine schwarz-rote Koalition präsentieren bislang vor allem eines: politische PowerPoint-Folien mit Schlagworten wie „Transformation“, „Resilienz“ und „klimaneutrale Zukunft“. Worte, die inzwischen ungefähr dieselbe Wirkung haben wie Baldriantee bei einem Herzinfarkt.

Währenddessen schließen Werke, Mittelständler geben auf und Investoren verabschieden sich höflich Richtung USA, Osteuropa oder Asien. Dort gibt es nämlich oft Dinge, die in Deutschland inzwischen als luxuriöse Zukunftsvision gelten: günstige Energie, schnellere Genehmigungen und Regierungen, die Industrie nicht für einen historischen Betriebsunfall halten.

Bürokratie als Hochleistungssport

Wer heute in Deutschland ein Werk bauen will, braucht Geduld, Nervenstärke und vermutlich einen Fachanwalt für Formulare. Zwischen Umweltgutachten, Einspruchsverfahren und behördlicher Prüfung vergeht oft so viel Zeit, dass manche Projekte bereits technologisch veraltet sind, bevor der erste Spaten den Boden berührt.

Aber immerhin funktioniert die Verwaltung konsequent: langsam, kompliziert und vollkommen überzeugt von sich selbst.

Der deutsche Staat gleicht inzwischen einem Restaurant, das seine Gäste anschreit, ihnen das Essen wegnimmt und sich anschließend wundert, warum niemand mehr reservieren möchte.

Europas Zahlmeister ohne eigene Stärke

Besonders bemerkenswert ist die groteske Parallelrealität der politischen Debatte. Deutschland soll gleichzeitig:

  • Weltklimaretter,
  • EU-Finanzierer,
  • militärische Führungsmacht,
  • Sozialstaat für alle,
  • Transformationslabor,
  • und moralischer Oberlehrer Europas sein.

Nur eines soll Deutschland offenbar nicht mehr sein: wirtschaftlich stark.

Denn wirtschaftliche Stärke setzt Wettbewerb voraus. Wettbewerb wiederum verlangt Realitätssinn. Und Realitätssinn gilt in Teilen der politischen Klasse inzwischen beinahe als extremistisches Randphänomen.

Die neue deutsche Erfolgsdefinition

Früher fragte man:
„Wie schaffen wir Wachstum, Innovation und Wohlstand?“

Heute lautet die Frage eher:
„Wie erklären wir den Niedergang so, dass er moralisch überlegen klingt?“

Vielleicht ist genau das die eigentliche deutsche Kernkompetenz geworden: aus Schwäche eine Tugend zu machen und aus wirtschaftlichem Absturz eine „große gesellschaftliche Transformation“.

0,3 Prozent Wachstum.

Die Bundesregierung nennt das vermutlich Stabilisierung.

Ein Arzt würde es eher als schwachen Puls bezeichnen.

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