Montag: Russland steht unmittelbar vor dem Zusammenbruch.
Dienstag: Putin hat keine Raketen mehr.
Mittwoch: Die Munition reicht höchstens noch bis zum Wochenende.
Donnerstag: Die Wirtschaft kollabiert jeden Moment.
Freitag: Die Soldaten laufen angeblich scharenweise davon.
Und am Samstag heißt es plötzlich: „Bis 2029 könnte Russland ganz Europa angreifen.“
Moment mal.
Welches Russland denn eigentlich?
Das Land, das laut täglicher Schlagzeile kurz vor der völligen Niederlage steht? Oder das andere Russland, das gleichzeitig stark genug sein soll, die größte Militärallianz der Welt anzugreifen?
Man muss sich entscheiden. Beides gleichzeitig funktioniert höchstens in einem schlechten Drehbuch.
Wenn ein Staat tatsächlich militärisch, wirtschaftlich und personell am Ende ist, dann ist er kaum wenige Jahre später die größte Bedrohung für den gesamten europäischen Kontinent. Und wenn er tatsächlich kurz davor steht, halb Europa zu überrollen, dann war die Geschichte vom unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch wohl mindestens etwas… optimistisch formuliert.
Diese beiden Erzählungen schließen sich gegenseitig aus.
Doch genau darin besteht inzwischen ein bemerkenswertes Phänomen der deutschen Kriegskommunikation: Jede Zielgruppe bekommt ihre eigene Wahrheit serviert.
Die einen sollen beruhigt werden: „Keine Sorge, Russland verliert ohnehin.“
Die anderen sollen beunruhigt werden: „Keine Sorge? Im Gegenteil! Russland steht bald vor Berlin.“
Der Widerspruch scheint niemanden mehr zu stören.
Hauptsache, jede politische Forderung lässt sich irgendwie begründen.
Braucht man weitere Waffenlieferungen? Russland ist gefährlich.
Braucht man Durchhalteparolen? Russland ist schwach.
Braucht man höhere Verteidigungsausgaben? Russland wird immer stärker.
Braucht man Zuversicht? Russland bricht morgen zusammen.
Je nachdem, welche Überschrift gerade benötigt wird, wird der Schalter einfach umgelegt.
Selbst ein Physiker dürfte Schwierigkeiten haben, ein Objekt zu erklären, das gleichzeitig kollabiert und expandiert, bankrott und allmächtig, militärisch erledigt und unmittelbar vor der Eroberung Europas steht.
Vielleicht handelt es sich um Schrödingers Großmacht.
Solange man die Zeitung nicht aufschlägt, befindet sich Russland gleichzeitig im Zustand des totalen Zusammenbruchs und der unmittelbar bevorstehenden Weltherrschaft.
Erst beim Lesen entscheidet sich, welche Version heute politisch gerade gebraucht wird.
Eine demokratische Öffentlichkeit hätte eigentlich Anspruch auf nachvollziehbare Analysen, nüchterne Lagebewertungen und eine Diskussion, die Widersprüche offenlegt, statt sie täglich neu zu produzieren.
Denn Glaubwürdigkeit entsteht nicht dadurch, dass man möglichst viele Schlagzeilen veröffentlicht. Sie entsteht dadurch, dass Aussagen auch morgen noch zu denen von gestern passen.
Wer seinem Publikum gleichzeitig erzählt, der Gegner sei völlig erledigt und zugleich die größte militärische Gefahr der kommenden Jahre, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann weniger über Russland diskutiert wird als über die Glaubwürdigkeit der eigenen Berichterstattung.
Propaganda scheitert selten daran, dass sie zu wenig erzählt.
Sie scheitert meist daran, dass sie irgendwann alles gleichzeitig erzählen will.











