Ein bissiger Kommentar mit satirischer Zuspitzung.
Friedrich Merz hat offenbar eine bemerkenswerte Vorstellung von seinem Arbeitsplatz: Gewählt wird in Deutschland, politische Größe demonstriert man in Kiew. Dort gibt es Unterschriften, milliardenschwere Vereinbarungen und die passende Bühne für einen Kanzler, dessen internationale Ambitionen größer wirken als seine Antworten auf die Sorgen im eigenen Land.
Nach ukrainischen Angaben wurden 15 Abkommen und Absichtserklärungen mit einem Gesamtvolumen von mehr als 8,5 Milliarden Euro vereinbart. Das umfasst Rüstungskooperationen, Beschaffung und Energieprojekte – die Summe ist also nicht einfach ein deutscher Überweisungsscheck. Politisch bleibt trotzdem die Frage: Wo ist dieser demonstrative Tatendrang, wenn es um Deutschlands eigene Energieversorgung geht? en.interfax.com.ua
Die Bundesnetzagentur meldete am 2. Oktober lediglich 58 Prozent Speicherfüllstand, deutlich weniger als in den Vergleichszeiträumen der Vorjahre. Laufende Importe tragen zur Versorgung bei; eine zwangsläufige Gasknappheit folgt daraus nicht. Aber ein beruhigendes Polster sieht anders aus. Ein Kanzler sollte erklären können, wie Deutschland auch durch einen kalten Winter kommt – verständlich, belastbar und ohne politische Beruhigungspillen. Aktuelle Lage Gasversorgung
Für Kiew werden Energieprojekte vereinbart, während die deutschen Gasspeicher mit einem dünnen Polster in Richtung Winter gehen. Merz präsentiert sich als großer Problemlöser im Ausland – und schuldet den Bürgern zu Hause überzeugende Antworten. Vielleicht sollte er gleich Kanzler der Ukraine werden. Dann würde wenigstens das Türschild zu seinen politischen Prioritäten passen.
Und genau da beginnt das Ärgernis: Für die internationale Bühne präsentiert sich Merz als entschlossener Möglichmacher. Für die Menschen zu Hause bleibt die Zumutung, sich mit Unsicherheit abzufinden. Außenpolitisch der große Spendiergestus, innenpolitisch die ausgestreckte Hand Richtung Heizkostenabrechnung.
Vielleicht wäre Friedrich Merz tatsächlich besser Kanzler der Ukraine. Dann passten wenigstens Amtsbezeichnung und demonstrativer Arbeitsschwerpunkt zusammen. Die deutsche Bevölkerung könnte sich währenddessen jemanden suchen, der Versorgungssicherheit im eigenen Land mit derselben sichtbaren Leidenschaft behandelt.
Wer in Kiew den großen Staatsmann gibt, muss sich in Deutschland an Ergebnissen messen lassen. Applaus im Ausland heizt hier keine Wohnung.
Quellen
- Interfax Ukraine: Angaben zu den 15 Vereinbarungen
- Ukrainische Regierung: Inhalt der Energievereinbarungen
- Bundesnetzagentur: Lage der Gasversorgung
Schlagworte: Friedrich Merz, Ukraine, Energiepolitik, Gasspeicher, Versorgungssicherheit, Bundesregierung
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