Es gibt Äußerungen, über die man lange diskutieren kann. Und es gibt Äußerungen, bei denen man sich zunächst fragt, wie jemand, der gesellschaftlich und politisch ernst genommen werden möchte, freiwillig auf ein derart niedriges argumentatives Niveau hinabsteigen kann.
Charlotte Knoblochs Vergleich der AfD mit der NSDAP gehört für mich in die zweite Kategorie.
Nicht, weil man die AfD nicht kritisieren dürfte.
Sondern weil diese Art der Argumentation erschreckend simpel ist.
Probieren wir dieselbe Denkmethode doch einmal andersherum
Die israelische Regierung wird international wegen ihrer Kriegsführung im Gazastreifen massiv kritisiert. Es gibt schwerwiegende Vorwürfe hinsichtlich Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht und möglicher Kriegsverbrechen.
Wäre es deshalb vernünftig zu sagen:
- Die Juden sind Mörder?
- Natürlich nicht.
- Wäre es vernünftig, jedem deutschen Juden die Verantwortung für das Handeln der israelischen Regierung zuzuschreiben?
- Natürlich nicht.
- Und wäre es akzeptabel zu fordern, alle Juden aus Deutschland auszuweisen, die sich zum Staat Israel bekennen oder grundsätzlich hinter Israel stehen?
- Selbstverständlich nicht.
Warum?
Weil selbst ein durchschnittlich begabter Mensch verstehen sollte, dass zwischen einem Individuum und einer Gruppe ein Unterschied besteht.
Ein Jude ist nicht Netanjahu.
Ein Israeli ist nicht automatisch für Entscheidungen seiner Regierung verantwortlich.
Und jemand, der Israel unterstützt, billigt deshalb noch lange nicht jede Bombe und jede militärische Entscheidung.
Man nennt das Differenzierung.
Eigentlich keine intellektuelle Höchstleistung.
Und plötzlich soll diese einfache Regel nicht mehr gelten
Dann kommt Charlotte Knobloch und erklärt über die AfD, sie sehe „in vielen Bereichen keinen Unterschied mehr zur NSDAP, bevor diese an die Macht gekommen ist“.
Zwar stellt sie ausdrücklich klar, AfD und NSDAP seien nicht gleichzusetzen. Vergleichen müsse man sie ihrer Auffassung nach trotzdem.
Das darf sie selbstverständlich sagen.
Nur muss man anschließend nicht so tun, als wäre allein aufgrund der prominenten Absenderin aus einer groben historischen Analogie plötzlich eine brillante politische Analyse geworden.
Denn auch prominenter Unsinn bleibt Unsinn.
Eine Partei besteht aus Mitgliedern, Funktionären, unterschiedlichen Strömungen und Millionen Wählern mit höchst unterschiedlichen Motiven.
Wer diese Unterschiede beseitigt und stattdessen das Etikett NSDAP auf den Tisch legt, argumentiert ungefähr so differenziert wie jemand, der aus der israelischen Regierung auf sämtliche Juden schließt.
Und genau solche Verallgemeinerungen lehnen wir aus gutem Grund ab.
Man könnte natürlich auch argumentieren
Wer behauptet, eine heutige Partei nähere sich der NSDAP an, könnte beispielsweise erklären:
- Welche konkreten Programmpunkte entsprechen welchen Forderungen der historischen NSDAP?
- Welche institutionellen Strukturen sind vergleichbar?
- Welche politischen Ziele?
- Welche Methoden?
- Welche Aussagen welcher Personen?
- Welche Belege gibt es?
Das wäre Arbeit.
Man müsste Quellen lesen, historische Zusammenhänge darstellen und Unterschiede ebenso benennen wie Gemeinsamkeiten.
Oder man sagt einfach:
NSDAP!
Das spart natürlich erheblich Zeit.
Und vermutlich deshalb erfreut sich der Nazi-Vergleich in Deutschland einer solchen Beliebtheit. Er beendet Diskussionen dort, wo Argumente eigentlich erst beginnen müssten.
Die einfachste politische Schublade Deutschlands
- Ein Muslim ist kein Islamist.
- Ein Palästinenser ist kein Hamas-Terrorist.
- Ein Jude ist nicht verantwortlich für Israels Regierung.
- Ein Russe ist nicht Putin.
Bei all diesen Sätzen wird vollkommen zu Recht Differenzierung verlangt.
Aber ein AfD-Wähler?
Da scheint für manche plötzlich eine ganz andere Bedienungsanleitung für das menschliche Gehirn zu gelten.
Mehrere Millionen Menschen werden politisch zusammengefaltet, in eine historische Schublade gesteckt und anschließend mit „NSDAP“ beschriftet.
Und das soll dann ernsthafte politische Analyse sein?
Nein.
Das ist intellektuelle Bequemlichkeit mit historischem Großkaliber.
Knoblochs Biografie macht ihre Aussage nicht automatisch klüger
Charlotte Knobloch hat als jüdisches Kind die nationalsozialistische Verfolgung erlebt. Ihre Lebensgeschichte verdient Respekt.
Aber gerade deshalb sollte man einen entscheidenden Unterschied nicht verwischen:
Respekt vor einem Menschen ist nicht dasselbe wie Zustimmung zu allem, was dieser Mensch sagt.
Eine Opferbiografie ist kein argumentativer Freifahrtschein.
Eine Aussage wird nicht dadurch richtig, dass sie von einer angesehenen Persönlichkeit stammt.
Und ein schlechter Vergleich wird nicht dadurch besser, dass derjenige, der ihn äußert, gesellschaftliches Ansehen genießt.
Eigentlich sollte für Persönlichkeiten, die öffentlich besonders ernst genommen werden wollen, sogar das Gegenteil gelten:
Von ihnen darf man mehr Präzision erwarten.
Nicht weniger.
Das wirklich Ärgerliche daran
Solche Vergleiche sind nicht nur billig. Sie können sogar genau das Gegenteil dessen erreichen, was ihre Urheber vermutlich beabsichtigen.
Wenn ständig NSDAP, Hitler und 1933 bemüht werden, sobald eine politische Bewegung besonders missfällt, nutzen sich diese Begriffe ab.
Der Nationalsozialismus war eben nicht bloß eine besonders rechte Regierung.
Er bedeutete Diktatur, politische Verfolgung, Entrechtung, Vernichtungskrieg und industriell organisierten Massenmord.
Wer dieses historische Gewicht ständig in aktuelle Parteipolitik hineinzieht, sollte verdammt gute Argumente haben.
Ein paar gefühlte Ähnlichkeiten reichen dafür nicht.
Vielleicht wäre Denken wieder eine Möglichkeit
Charlotte Knobloch darf die AfD ablehnen.
Sie darf sie bekämpfen.
Sie darf ein Verbotsverfahren fordern.
Sie darf vor Entwicklungen warnen, die sie persönlich an die deutsche Geschichte erinnern.
Aber wenn eine Persönlichkeit ihres öffentlichen Ranges eine heutige Partei mit der NSDAP vergleicht, darf man auch erwarten, dass anschließend mehr kommt als eine gigantische historische Schublade.
Denn wer gesellschaftlich ernst genommen werden möchte, sollte sich auch so äußern, dass man ihn ernst nehmen kann.
Differenzieren.
Belegen.
Argumentieren.
Zusammenhänge erklären.
Das wäre die anspruchsvolle Variante.
Menschen pauschal in einen Topf zu werfen und anschließend das größtmögliche historische Etikett daraufzukleben, ist dagegen erstaunlich einfach.
Für eine ernsthafte politische Debatte ist es allerdings ungefähr so nützlich wie ein Vorschlaghammer bei einer Uhrmacherprüfung.
Laut ist es.
Aufmerksamkeit bekommt man damit ebenfalls.
Nur Präzision sollte anschließend niemand mehr erwarten.
Übrigens ein Hinweis in eigener Sache:
Auf dem Artikelbild befinden sich eigentlich zwei Hakenkreuze. Diese wurden unkenntlich gemacht, damit der wunderbare Innenminister Hessens und seine wunderbaren Verfassungsschutzvasallen wieder glücklich sind. Solche Symbole dürfen nur von staatlich indoktrinierten Medien gezeigt werden.
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Eigentlich kann man sich nur noch kaputtlachen über die SPD und auch über die CDU. jetzt endlich wo alles zusammenfällt, kommt tatsächlich nur noch Mist heraus.