Es beginnt, wie so vieles in Brüssel, mit einem wohlklingenden Versprechen. Mehr Sicherheit. Weniger Unfälle. Null Verkehrstote bis zum Jahr 2050. Wer könnte schon etwas dagegen haben? Schließlich möchte niemand, daß Menschen auf den Straßen sterben.
Doch hinter diesem hehren Ziel verbirgt sich einmal mehr eine Entwicklung, die viele Autofahrer bereits heute als lästig, bevormundend und übergriffig empfinden.
Seit dem 7. Juli müssen alle neu zugelassenen Pkw und leichten Nutzfahrzeuge in der Europäischen Union mit einem sogenannten Advanced Driver Distraction Warning (ADDW) ausgestattet sein. Hinter diesem sperrigen Namen verbirgt sich nichts anderes als eine Kamera, die den Fahrer permanent beobachtet. Sie registriert Kopfhaltung, Blickrichtung und Augenbewegungen. Schaut der Fahrer nach Ansicht des Systems zu lange zur Seite, erfolgt eine Warnung.
Die Theorie klingt vernünftig.
Die Praxis sieht oft ganz anders aus.
Wenn das Auto ständig den Lehrer spielt
Viele Fahrer moderner Fahrzeuge kennen das bereits. Man blickt kurz zum Außenspiegel, kontrolliert den Querverkehr an einer Kreuzung oder sucht nach einer Hausnummer. Vielleicht schaut man einen Moment auf das Navigationsgerät oder prüft den Verkehr neben sich.
Schon ertönt ein Warnton.
Je nach Hersteller wird man optisch oder akustisch ermahnt. Das Fahrzeug entscheidet inzwischen selbst, wann der Fahrer angeblich nicht aufmerksam genug ist.
Was früher eine Frage der eigenen Verantwortung war, wird heute zunehmend von Algorithmen bewertet.
Natürlich kann Technik helfen. Müdigkeitserkennung oder Notbremsassistenten haben ohne Zweifel ihren Nutzen. Doch mit jeder neuen Verordnung verschiebt sich die Grenze ein Stück weiter.
Nicht mehr der Fahrer entscheidet.
Das Fahrzeug bewertet den Fahrer.
Das erklärte Ziel: Null Verkehrstote
Die Europäische Union verfolgt mit ihrer Sicherheitsstrategie das Ziel, die Zahl der Verkehrstoten langfristig auf null zu senken.
Dieses Ziel ist nachvollziehbar.
Die entscheidende Frage lautet jedoch:
Ist ein völlig risikofreies Leben überhaupt erreichbar?
Oder wird unter diesem Anspruch jede neue Überwachung und jede weitere Einschränkung des Fahrers automatisch gerechtfertigt?
Denn folgt man dieser Logik konsequent, gibt es praktisch kein Ende.
Wenn Menschen Fehler machen, muß der Mensch eben immer stärker überwacht werden.
Wenn Menschen Fehler machen, muß das Auto immer mehr Entscheidungen übernehmen.
Und irgendwann lautet die Konsequenz:
Der Mensch sollte am besten gar nicht mehr selbst fahren.
Der Weg zum autonomen Fahrzeug
Genau hier entsteht ein bemerkenswerter Widerspruch.
Auf der einen Seite erklärt die EU den Fahrer immer stärker zum Sicherheitsrisiko und überwacht jede Blickbewegung.
Auf der anderen Seite investiert dieselbe Politik massiv in das autonome Fahren.
Bereits heute existieren in Deutschland Fahrzeuge mit einer begrenzten Zulassung für hochautomatisiertes Fahren. So darf das von Mercedes-Benz entwickelte Drive Pilot unter bestimmten Voraussetzungen auf geeigneten Autobahnabschnitten bei niedrigen Geschwindigkeiten die Fahraufgabe übernehmen. Während dieser Phase muß der Fahrer den Verkehr nicht dauerhaft beobachten, sondern lediglich übernahmebereit bleiben.
Das wirft eine berechtigte Frage auf:
Warum wird der Fahrer heute immer intensiver überwacht, wenn er langfristig ohnehin gar nicht mehr selbst fahren soll?
Die aktuelle Entwicklung wirkt wie eine Übergangsphase.
Erst wird der Fahrer kontrolliert.
Dann wird er korrigiert.
Am Ende wird er ersetzt.
Sicherheit oder Bevormundung?
Natürlich wird niemand ernsthaft bestreiten, daß Ablenkung am Steuer gefährlich sein kann.
Doch viele Autofahrer erleben inzwischen etwas anderes.
Sie fühlen sich nicht sicherer.
Sie fühlen sich bevormundet.
Ständig piept etwas.
Ein Spurhalteassistent zieht am Lenkrad.
Der Geschwindigkeitswarner meldet sich.
Die Müdigkeitserkennung glaubt nach zwanzig Minuten Landstraße bereits eine Pause empfehlen zu müssen.
Nun kommt die dauerhafte Fahrerbeobachtung hinzu.
Man gewinnt zunehmend den Eindruck, daß nicht mehr der Mensch das Auto fährt, sondern das Auto den Menschen.
Freiheit auf vier Rädern wird kleiner
Für viele Menschen bedeutete das Auto jahrzehntelang Unabhängigkeit.
Selbst entscheiden.
Selbst Verantwortung tragen.
Selbst fahren.
Heute entwickelt sich das Fahrzeug immer stärker zu einem rollenden Computer, der seinen Besitzer überwacht, bewertet und regelmäßig erzieht.
Wer auf all diese Systeme verzichten möchte, hat derzeit kaum noch Möglichkeiten. Ältere Fahrzeuge werden damit für viele Autofahrer plötzlich attraktiver als moderne Neuwagen.
Ironischerweise könnte genau jene Regulierung, die den technischen Fortschritt fördern soll, dazu führen, daß Menschen ihre alten Fahrzeuge länger behalten.
Fazit
Sicherheit ist ein wichtiges Ziel. Darüber besteht kaum Streit.
Die entscheidende Frage lautet jedoch, wo die Grenze zwischen sinnvoller Unterstützung und permanenter Bevormundung verläuft.
Wenn jedes Schulterzucken, jeder Blick zur Seite und jede kleine Unaufmerksamkeit elektronisch bewertet wird, verändert sich das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine grundlegend.
Das Auto war einmal ein Werkzeug.
Heute entwickelt es sich zunehmend zum Aufpasser.
Und der sitzt künftig auf jedem Beifahrersitz. Ganz ohne Führerschein. Nur mit Kamera, Software und der Überzeugung, besser zu wissen, wann wir aufmerksam genug sind. Manche würden das Fortschritt nennen. Andere sehen darin einen weiteren Schritt zu immer mehr technischer Kontrolle im Alltag.
Was passiert eigentlich, wenn man mit Maske fährt oder mit einer verspiegelten Sonnenbrille?
Interessante Frage. Genau an solchen Beispielen zeigt sich, daß die Technik zwar beeindruckend ist, aber eben nicht allwissend. Menschen sind nun einmal erfinderisch, sobald Kameras anfangen, sie zu beobachten.
Je nach Fahrzeug und System kann Folgendes passieren:
- Verspiegelte Sonnenbrille: Viele moderne Fahrerüberwachungssysteme arbeiten mit Infrarotkameras und können die Augen trotz normaler oder leicht getönter Sonnenbrillen oft noch erkennen. Stark verspiegelte oder sehr dunkle Gläser können die Erkennung jedoch erschweren. Manche Systeme funktionieren dann nur noch eingeschränkt oder gar nicht.
- Gesichtsmaske (Mund-Nase): Eine normale Maske verdeckt zwar Mund und Nase, die Augen und die Kopfhaltung bleiben aber sichtbar. Viele Systeme können trotzdem weiter arbeiten.
- Große Sonnenbrille plus Maske: Wird ein Großteil des Gesichts verdeckt, kann das System Schwierigkeiten bekommen, den Fahrer zuverlässig zu erkennen. Je nach Hersteller kann es dann Warnmeldungen ausgeben oder anzeigen, daß die Fahrerüberwachung eingeschränkt oder nicht verfügbar ist.
- Mütze tief ins Gesicht oder Kapuze: Auch das kann die Erkennung beeinträchtigen.
Die Reaktionen unterscheiden sich je nach Fahrzeug:
- Es erscheint eine Meldung wie „Fahrerüberwachung nicht verfügbar“.
- Das System fordert den Fahrer auf, nach vorne zu schauen oder die Sicht auf das Gesicht freizugeben.
- In einigen Fahrzeugen werden bestimmte Assistenzfunktionen eingeschränkt, solange die Fahrerüberwachung nicht zuverlässig arbeitet.
Kann man das einfach austricksen?
Nicht unbedingt. Die Systeme werden ständig verbessert. Sie werten meist nicht nur die Augen aus, sondern auch:
- Kopfhaltung,
- Blickrichtung,
- Lidschlag,
- teilweise sogar Mikrobewegungen des Kopfes.
Ein einfacher Trick wie eine Sonnenbrille reicht daher oft nicht aus, um das System vollständig zu täuschen.
Datenschutzrechtlich interessant
Gerade diese Technik ist umstritten. Die Kamera erfasst biometrische Merkmale des Fahrers, verarbeitet sie aber nach Angaben der Hersteller in der Regel lokal im Fahrzeug und speichert sie normalerweise nicht dauerhaft oder sendet sie nicht an den Hersteller. Ob und in welchem Umfang tatsächlich Daten gespeichert oder übertragen werden, hängt vom konkreten Fahrzeugmodell und den aktivierten Online-Diensten ab.
Der eigentliche Streitpunkt ist deshalb weniger die Datenspeicherung als die grundsätzliche Frage: Soll ein Auto seinen Fahrer überhaupt permanent beobachten und bewerten? Genau darüber wird derzeit kontrovers diskutiert.













