Herzlichen Glückwunsch, Europa! Nachdem Kanada die Debatte um den assistierten Tod bereits in eine völlig neue Dimension geführt hat, scheint nun auch Frankreich auf die Idee gekommen zu sein, dass der teuerste Posten eines Sozialstaates womöglich gar nicht Panzer, Bürokratie oder Politiker sind, sondern Menschen, die einfach nicht rechtzeitig sterben wollen.
Man muss das konsequent zu Ende denken.
Pflegeheime? Kostspielig.
Krankenhäuser? Unbezahlbar.
Demenzstationen? Verschlingen Milliarden.
Renten? Monat für Monat ein Ärgernis für jeden Finanzminister.
Da wirkt ein Gesetz zum assistierten Sterben auf den ersten Blick beinahe wie die modernste Form staatlicher Haushaltskonsolidierung. Früher hieß es Sparprogramm. Heute nennt man es vermutlich „selbstbestimmte Ressourcenoptimierung“. Klingt gleich viel freundlicher.
Natürlich wird niemand offiziell sagen: „Wir müssen die Alten loswerden.“ Um Himmels willen. Dafür gibt es schließlich Kommunikationsberater für sechsstellige Honorare.
Man spricht stattdessen von Würde.
Von Selbstbestimmung.
Von Freiheit.
Von Mitgefühl.
Das klingt wesentlich eleganter, wenn im Hintergrund gleichzeitig die Rentenkassen ächzen, die Pflegeversicherung kollabiert und die Staatsverschuldung neue Rekorde feiert.
Der Zyniker könnte auf die absurde Idee kommen, dass sich Mitgefühl und Haushaltsentlastung plötzlich erstaunlich gut ergänzen.
„Sie möchten sterben?“
„Nun… selbstverständlich respektieren wir Ihre Entscheidung.“
„Und falls Sie noch zögern: Hier hätten wir eine Hochglanzbroschüre.“
Man stelle sich dieselbe Begeisterung einmal bei anderen Problemen vor.
„Sie finden keine Wohnung? Wir bauen sofort hunderttausend neue.“
„Sie warten monatelang auf einen Facharzt? Hier ist Ihr Termin für morgen.“
„Die Pflege funktioniert nicht? Wir investieren Milliarden.“
Seltsam. Für all diese Dinge scheint plötzlich nie Geld vorhanden zu sein.
Beim assistierten Sterben hingegen entdecken manche Staaten auf einmal ungeahnte organisatorische Fähigkeiten.
Der eigentliche Skandal ist dabei gar nicht die Debatte über Sterbehilfe selbst. Über Grenzfälle schwersten Leidens kann und muss eine Gesellschaft verantwortungsvoll diskutieren.
Der Skandal beginnt dort, wo wirtschaftlicher Druck, Einsamkeit, Überforderung oder das Gefühl, nur noch eine Last zu sein, schleichend Teil dieser Entscheidung werden.
Denn eine wirklich freie Entscheidung setzt voraus, dass der Mensch echte Alternativen hat.
Eine funktionierende Pflege.
Ausreichende medizinische Versorgung.
Menschliche Nähe.
Würde im Leben, nicht nur beim Sterben.
Wenn aber der Staat beim Leben spart und das Sterben immer effizienter organisiert, dann darf man zumindest fragen, welche Prioritäten hier eigentlich gesetzt werden.
Vielleicht erleben wir gerade eine Zeitenwende.
Früher lautete das Versprechen des Sozialstaates:
„Wir lassen niemanden zurück.“
Heute könnte der Zyniker vermuten, es lautet eher:
„Wir begleiten Sie bis zur letzten Haushaltsentlastung.“
Eine Gesellschaft zeigt ihre Menschlichkeit nicht daran, wie professionell sie den Tod organisiert.
Sondern daran, wie viel sie bereit ist zu investieren, damit Menschen überhaupt weiterleben möchten.












