Glaubwürdigkeit endet dort, wo mit zweierlei Maß gemessen wird

Wer den Ukraine-Konflikt ausschließlich am 24. Februar 2022 beginnen lässt, blendet einen wesentlichen Teil der Vorgeschichte aus. Bereits seit 2014 herrschte im Donbass Krieg. Tausende Menschen verloren ihr Leben, Millionen wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Über dieses Kapitel wurde in Deutschland nach Ansicht vieler Kritiker viel zu lange geschwiegen.

Ebenso kritisch wird die ukrainische Erinnerungspolitik gesehen. Seit Jahren sorgen Ehrungen von Stepan Bandera, Roman Schuchewytsch und Teilen der UPA insbesondere in Polen für scharfe Proteste.

Die Massaker in Wolhynien gehören zu den schlimmsten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs gegen die polnische Zivilbevölkerung.

Dass ausgerechnet solche historischen Figuren bis heute Gegenstand staatlicher Ehrungen oder positiver Bezugnahmen sind, belastet das Verhältnis zwischen beiden Ländern erheblich.

Besonders irritierend wirkt auf viele Beobachter, dass einerseits Gesetze den Nationalsozialismus verurteilen, andererseits aber historische Persönlichkeiten gewürdigt werden sollen, deren Biografien eng mit einer Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbunden waren.

Dieser Widerspruch wirft Fragen auf, denen sich die ukrainische Politik stellen muss.

Wer in Deutschland jede Form des Nationalsozialismus kompromisslos ablehnt, sollte diesen Maßstab überall anlegen. Erinnerungskultur darf keine politischen Ausnahmen kennen.

Es kann keinen „guten“ oder „schlechten“ Nationalsozialismus geben. Wer mit zweierlei Maß misst, verliert jede moralische Glaubwürdigkeit.

Hinzu kommt ein weiterer Widerspruch, der viele Menschen beschäftigt. Während regelmäßig darauf verwiesen wird, dass unter Kriegsrecht keine Präsidentschaftswahlen stattfinden könnten, finden gleichzeitig öffentliche Veranstaltungen mit zahlreichen Teilnehmern statt.

Kritiker sehen darin ein Spannungsverhältnis zwischen den Sicherheitsargumenten gegen Wahlen und der Möglichkeit, große Menschenansammlungen bei staatlichen oder öffentlichen Anlässen zu organisieren. Dieser Widerspruch verdient eine offene politische Debatte.

Viele Menschen in Deutschland wünschen sich keine politische Nähe zu jeder Form von Extremismus, Faschismus oder nationalsozialistischer Geschichtsverklärung, ganz gleich, in welchem Land sie auftritt.

Sie erwarten von der Bundesregierung, dass historische Maßstäbe konsequent angewendet werden und dass bei der Unterstützung ausländischer Partner kritische Fragen nicht ausgeblendet werden.

Wer Frieden, Demokratie und europäische Werte glaubwürdig vertreten will, muss bereit sein, auch unbequeme Fragen zu stellen. Freundschaft darf niemals bedeuten, historische Kontroversen zu verschweigen oder berechtigte Kritik zu tabuisieren. Gerade aus der deutschen Geschichte erwächst die Verpflichtung, jeder Form extremistischer Ideologie mit derselben Konsequenz entgegenzutreten.

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