Es klingt paradox. Aber nur, solange man noch versucht, deutsche Energiepolitik mit gewöhnlicher Logik zu verstehen.
Deutschland und Europa wollten sich von russischem Öl lösen. Keine Geschäfte mehr mit Putin, keine Finanzierung der russischen Kriegskasse, moralische Konsequenz bis zum letzten Barrel. So jedenfalls die politische Erzählung.
Und Russland?
Russlands Anteil an den indischen Ölimporten erreichte im Juli nach den zitierten Handelsdaten 50,8 Prozent. Indien importierte demnach 2,47 Millionen Barrel russisches Öl pro Tag. Gegenüber Juli des Vorjahres entspricht das einem Plus von 62,4 Prozent.
Man muss dieses Kunststück erst einmal würdigen.
Wir verzichten auf russisches Öl. Indien kauft russisches Öl. Indische Raffinerien verarbeiten Rohöl zu Diesel, Kerosin und anderen Mineralölprodukten. Diese Produkte gelangen anschließend auf den Weltmarkt, darunter auch nach Europa.
Und plötzlich hat das Öl eine wundersame moralische Läuterung erfahren.
Russisches Rohöl: böse.
In Indien raffiniertes Produkt: handelbar.
Dazwischen liegen nur ein paar tausend Kilometer, eine Raffinerie, internationale Händler, Tanker und natürlich entsprechende Margen. Der Verbraucher darf die Rechnung übernehmen. Irgendjemand muss schließlich dafür bezahlen, dass Weltpolitik kompliziert aussieht.
Das Absurde daran: Die Sanktionen und Einfuhrverbote sind keineswegs völlig wirkungslos. Sie verändern Handelsströme, Preise, Transportwege und Russlands Absatzbedingungen. Nur ist die politische Wirklichkeit erheblich weniger sauber als die schöne Erzählung vom zugedrehten russischen Ölhahn.
Russland hat mit Indien und China riesige Abnehmer gefunden. Indien wiederum verfügt über eine gewaltige Raffinerieindustrie und verkauft Mineralölprodukte international.
So entsteht eine bemerkenswerte Arbeitsteilung:
Russland verkauft. Indien raffiniert. Europa kauft Produkte. Und Berlin erklärt, warum das alles selbstverständlich etwas völlig anderes ist.
Besonders hübsch wird die Geschichte, wenn man auf die USA blickt. Washington versucht einerseits, Indien wegen seiner russischen Ölgeschäfte unter Druck zu setzen. Andererseits haben auch die Vereinigten Staaten nicht jeden Handel mit Russland vollständig beendet. Internationale Sanktionen sind eben kein Lichtschalter, auch wenn politische Pressekonferenzen gelegentlich diesen Eindruck vermitteln.
Hinzu kommt die nächste Pointe: Lieferprobleme aus dem Nahen Osten erhöhen ausgerechnet die Attraktivität russischen Öls für Indien. Geopolitik besitzt die unangenehme Eigenschaft, sich nicht an europäische Wunschzettel zu halten.
Und wer profitiert?
Indische Raffinerien erhalten Rohöl aus Russland, verarbeiten es und verkaufen die Produkte weiter. Händler verdienen. Reedereien verdienen. Raffinerien verdienen. Russland behält einen gewaltigen Absatzmarkt.
Der europäische Verbraucher bekommt währenddessen die Gelegenheit, sich darüber zu freuen, dass seine möglicherweise aus russischem Rohöl hergestellten Kraftstoffe selbstverständlich nicht direkt aus Russland kommen.
Das ist ungefähr so, als würde man verkünden, keine Kartoffeln mehr beim Bauern nebenan zu kaufen, sie anschließend beim Händler auf der anderen Straßenseite erwerben und stolz erklären:
„Seht her, wir sind unabhängig vom Bauern!“
Nur dass der Händler vorher noch seine Marge aufgeschlagen hat.
Deutschland rettet damit vielleicht nicht im Alleingang die Weltordnung. Aber immerhin beweisen wir einmal mehr eine bemerkenswerte Fähigkeit:
Wir können denselben Rohstoff über längere Handelswege beziehen und uns anschließend gegenseitig erklären, dass darin ein strategischer Erfolg liegt.
Die Ölindustrie dürfte von so viel geopolitischer Kreativität durchaus angetan sein.
Der Autofahrer an der Zapfsäule möglicherweise etwas weniger.
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