Wenn man um Stimmen wirbt, ohne zu fragen, welche Kräfte man damit groß macht, darf man sich hinterher nicht wundern, wenn sie nicht einfach wieder verschwinden.
„Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los“: Goethes Zauberlehrling kennt den Moment, in dem der Lehrling merkt, dass er Kräfte entfesselt hat, die er nicht mehr beherrscht. In der Politik gibt es dafür keine Zauberformel. Da heißt es dann: Man habe es nicht kommen sehen. Man sei überrascht. Man habe Angst.
Auch Heinrich Hoffmanns Paulinchen wusste, dass man mit Streichhölzern vorsichtig sein sollte. Aber Warnungen sind lästig, solange man glaubt, das Feuer werde schon nur dort brennen, wo es einem gerade nützt.
Wer um Stimmen wirbt, muss sich fragen lassen, mit wem er sich dafür einlässt. Wer politische Unterstützung mobilisiert, kann nicht so tun, als sei sie eine harmlose Leihgabe, die nach dem Wahltag höflich zurückgegeben wird. Stimmen kommen nicht allein. Mit ihnen kommen Erwartungen, Machtansprüche und manchmal auch Leute, vor denen man sich später fürchtet.


Und dann wird es absurd: Eine Politikerin, die der Polizei skeptisch gegenübersteht und polizeiliche Aufgaben lieber Sozialarbeitern übertragen möchte, braucht plötzlich Polizeischutz. Für die eigene Sicherheit soll die Polizei dann doch gut genug sein. Das ist eine bemerkenswerte Wendung. Sozialarbeiter können viel leisten. Sie sind aber kein Ersatz für eine Polizei, die Menschen schützt, wenn Gefahr droht.
Noch schwerer wiegt die Vorstellung, eine Politikerin könne Angst vor Menschen aus den eigenen Parteikreisen haben – vor Leuten, um deren Unterstützung sie zuvor geworben hat. Wer sich von den eigenen Leuten bedroht fühlt, muss sich eine einfache Frage gefallen lassen: Wie konnte es so weit kommen? Und warum wurde die politische Nähe erst dann zum Problem, als die Bedrohung nicht mehr abstrakt war?
Das ist keine Zauberei. Es ist die Rechnung für politische Verantwortungslosigkeit: Man kann Kräfte nutzen wollen, ohne ihre Folgen ernst zu nehmen. Man kann um Stimmen werben und sich einreden, die Unterstützer würden schon nach den eigenen Regeln spielen. Doch wer Feuer legt, kann nicht verlangen, dass die Flammen später nur auf der anderen Seite lodern.
Am Anfang mag das alles noch wie ein groteskes Theaterstück wirken: der Zauberlehrling im viel zu großen Mantel, die Besen, die immer weiterlaufen, die hektischen Versuche, die Kontrolle zurückzugewinnen. Aber das Lachen bleibt einem im Hals stecken, wenn es um Schutz, Einschüchterung und die Fähigkeit geht, politische Verantwortung zu tragen.
Denn am Ende steht eine sehr ernste Frage: Wie weit ist Deutschland gekommen, wenn eine solche politische Figur als mögliche Regierungschefin gehandelt wird? Eine Person, die sich mit Kräften einlässt, vor denen sie sich später fürchtet, und deren Anspruch auf Führung gerade dadurch erschüttert wird.
Die Geister, die man rief, sind noch da. Und diesmal gibt es keinen Meister, der den Zauber mit einem einzigen Wort beendet.