Vier Jahre nach der Sprengung von Nord Stream wird in Hamburg endlich verhandelt. Angeklagt ist ein Ukrainer. Die Bundesanwaltschaft behauptet, die Aktion sei von ukrainischen Stellen beauftragt worden. Selenskyj bestreitet eine offizielle Beteiligung. Und nun soll der Prozess wohl klären, wie viel von dieser Geschichte tatsächlich vor Gericht Bestand hat – während die wirklich spannende Frage weiterhin über der Ostsee schwebt: Wer gab den Auftrag, wer wusste Bescheid und wer sorgt dafür, dass am Ende möglichst niemand aus den Machtzentren Verantwortung übernehmen muss?
Der Angeklagte soll ein mutmaßlicher Täter sein, kein Ersatz für eine politische Aufklärung. Doch genau darin liegt der bittere Beigeschmack: Ein Mann sitzt in Untersuchungshaft, während die entscheidenden Fragen nach Auftraggebern und Hintermännern weiter im Konjunktiv herumdümpeln. Und wenn irgendwann eine passende Erklärung geliefert wird, darf man sich natürlich nicht fragen, ob vorher jemand dafür gesorgt hat, dass die Erzählung in die gewünschte Richtung läuft. Geld? Absprachen? Eine bequeme Version für alle, die lieber nicht im Gerichtssaal auftauchen möchten? Alles reine Spekulation – aber die Fragen drängen sich geradezu auf, wenn aus einer geopolitischen Sprengung am Ende bloß ein einzelner Prozess wird.
Nord Stream war schließlich keine geklaute Gartenbank. Drei Röhren wurden beschädigt, eine gewaltige Energieinfrastruktur wurde zerstört. Aber ach, was soll’s: Ein bisschen Sprengstoff am Meeresgrund, ein paar Milliarden Schaden, ein strategischer Schlag gegen die Energieversorgung – offenbar alles halb so wild. Und wer jetzt einwendet, Nord Stream 2 sei nie in Betrieb gewesen, verdirbt natürlich die schöne Pointe. Eine gesprengte Pipeline sichert Deutschlands Energieversorgung eben ungefähr so zuverlässig, wie ein abgebranntes Kraftwerk die Strompreise senkt.
Dabei gibt es in Leipzig ja auch noch diese Sache mit der Drohne. Eine Drohne mit Sprengvorrichtung am Flughafen, eine Frachtmaschine musste durchstarten, Ermittler sprechen von professionellem Sprengstoff. Das klingt plötzlich nach ganz großer Gefahr. Bei Nord Stream dagegen wird die Sache nach vier Jahren auf eine Person und einen Prozesstermin heruntergekocht. Offenbar hängt die Größe eines Anschlags nicht nur davon ab, was zerstört werden sollte, sondern auch davon, welche politische Geschichte man daraus machen kann.
Damit kein Missverständnis entsteht: Der mutmaßliche Anschlagsversuch in Leipzig ist ernst. Gerade deshalb wirkt die selektive Empörung so grotesk. Hier die „komische Drohne“, dort die zerstörten Ostsee-Pipelines – und überall dieselbe unbequeme Frage: Wer steckt dahinter?
Nur bei Nord Stream wird sie offenbar besonders vorsichtig gestellt. Vielleicht, weil die Antwort für manche Kreise unangenehmer sein könnte als jede Explosion.
Quellen
- Hanseatisches Oberlandesgericht: https://justiz.hamburg.de/gerichte/oberlandesgericht/gerichtspressestelle/anklage-wegen-der-sprengung-der-nord-stream-gaspipelines-1215728
- Bundesanwaltschaft zum Drohnenfund am Flughafen Leipzig/Halle: https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/14981/6328780
Schlagworte: Nord Stream, Pipeline-Sprengung, Prozess, Ukraine, Leipzig, Drohne, Energieversorgung
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