Zynischer Kommentar
Oh wie schade. Brüssel entdeckt beim Thema Ukraine plötzlich etwas völlig Überraschendes: Die Europäische Union hat bereits Landwirte. Und Steuerzahler. Und einen Agrarhaushalt, der sich nicht durch begeistertes Fahnenschwenken beliebig vermehren lässt.
Nach dem vorliegenden Bericht will die EU-Kommission den Zugang ukrainischer Agrarprodukte und den Zugriff auf Agrarsubventionen nach einem Beitritt erheblich begrenzen. Kiew akzeptiert demnach Übergangsfristen, lehnt dauerhafte Schranken aber ab. Der Beitritt ist damit keineswegs erledigt – sichtbar wird jedoch, wie weit die Erwartungen auseinanderliegen. boerse-express.com
Wie bedauerlich! Da möchte Europa helfen, aber seine eigenen Bauern nicht gleich als kostenlose Verhandlungsmasse auf den Tisch legen. Geradezu unsolidarisch. Vielleicht sollten französische, polnische und deutsche Landwirte ihre Höfe einfach schließen und anschließend ein Seminar besuchen: „Wirtschaftlicher Selbstverzicht als europäische Tugend“.
Besonders hübsch ist die Forderung nach gleichen Spielregeln. Sehr gerne. Dann aber vollständig: gleiche Anforderungen, vergleichbare Kontrollen und keine politische Abkürzung an den Produktionsstandards vorbei. Die Angleichung ukrainischer Regeln zu Pflanzenschutzmitteln, Tierwohl und Tierarzneimitteln ist ausdrücklich Bestandteil des Handelsrahmens. Sie ist also eine Aufgabe, die erfüllt werden muss – kein Zustand, den man mit einer Pressekonferenz herbeizaubert. Consilium
Bei Lebensmittelsicherheit darf Solidarität jedenfalls keine Sondergenehmigung sein. Für importierte Lebensmittel gelten bereits die EU-Sicherheitsanforderungen und dieselben Höchstwerte für Pestizidrückstände. Pauschal „verseuchte“ ukrainische Lebensmittel zu behaupten, wäre deshalb unbelegt. Die entscheidende Forderung lautet: Regeln konsequent kontrollieren, Verstöße sanktionieren und Unterschiede bei Produktionsbedingungen nicht unter einem politischen Teppich verschwinden lassen. Food Safety
Europäische Bauern müssen ihren Betrieb unter den hier geltenden Auflagen führen. Dann darf Politik ihnen erklären, wie ein fairer Wettbewerb gesichert werden soll – bevor sie feierlich den nächsten Markt öffnet. Ein Händedruck in Brüssel bezahlt weder den Traktor noch die nächste Rechnung.
Und wenn Kiew die angebotenen Bedingungen nicht akzeptiert? Dann wird weiterverhandelt. Oder es gibt unter diesen Bedingungen eben keinen Beitritt. Europa muss sich dafür nicht entschuldigen. Eine Mitgliedschaft ist ein Vertrag mit Pflichten, kein Anspruch auf Marktöffnung und einen Platz an der Subventionskasse.
Millionen Europäer werden diesen nüchternen Gedanken vermutlich verkraften. Manche sogar ohne Taschentuch.
Quellen
- Börse Express: Kiew lehnt dauerhafte Agrarschranken ab
- Rat der EU: Agrarhandel und Angleichung der Produktionsstandards
- EU-Kommission: Lebensmittelkontrollen bei Importen
- EU-Kommission: Höchstwerte für Pestizidrückstände
Schlagworte: Ukraine, EU-Beitritt, Landwirtschaft, Agrarsubventionen, Verbraucherschutz, Wettbewerb
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