Es ist zunächst nur ein Gedankenexperiment. Aber eines, das für die CDU ziemlich unangenehm werden könnte.
Vor Deutschland liegen mehrere wichtige Landtagswahlen. Und nehmen wir einmal hypothetisch an, sie entwickeln sich tatsächlich so, wie es manche Umfragen derzeit erwarten lassen: Die CDU verliert in Berlin gegen die Linke. Sie verliert in Sachsen-Anhalt gegen die AfD. Und sie verliert auch in Mecklenburg-Vorpommern gegen die AfD.
Dann hätte Friedrich Merz ein Problem, das sich nicht mehr mit dem üblichen Hinweis auf regionale Besonderheiten erklären ließe.
Denn dann würde die CDU gleichzeitig nach links und nach rechts verlieren.
Und damit stellt sich eine viel grundsätzlichere Frage:
Wo steht diese CDU eigentlich noch?
Eine Volkspartei lebt davon, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen unter einem gemeinsamen politischen Dach zusammenzuführen. Genau das war jahrzehntelang die Stärke der Union.
Konservativ, aber nicht radikal. Wirtschaftsliberal, aber mit sozialem Ausgleich. Bürgerlich, aber mit einer gewissen Bodenhaftung. Westbindung, innere Sicherheit, soziale Marktwirtschaft und ein eher pragmatisches Verhältnis zum Staat bildeten einen ziemlich breiten politischen Korridor.
Man musste die CDU nicht lieben. Man wusste aber meistens ungefähr, wofür sie stand.
Kann man das heute noch sagen?
Das ist die entscheidende Frage.
Wenn Wähler auf der einen Seite zur AfD abwandern, weil ihnen die CDU nicht konservativ genug erscheint, während sie auf der anderen Seite nicht einmal mehr verhindern kann, dass eine Partei links von SPD und Grünen stärkste Kraft wird, dann reicht die Erklärung „Polarisierung“ irgendwann nicht mehr aus.
Dann könnte das Problem bei der CDU selbst liegen.
Die Mitte ist kein geografischer Punkt
In der Politik wird gern von der „Mitte“ gesprochen. Das klingt angenehm vernünftig. Nur ist die politische Mitte kein Stuhl, auf den man sich setzt und anschließend für immer dort bleibt.
Eine Partei muss erklären, was ihre Mitte inhaltlich bedeutet.
Was ist die Position der CDU bei Migration? Was unterscheidet sie grundsätzlich von SPD und Grünen?
Was ist ihre energiepolitische Vorstellung für ein Industrieland?
Was bedeutet konservative Politik unter Friedrich Merz überhaupt?
Welche Rolle soll der Staat spielen?
Wie soll das Verhältnis zu Russland langfristig aussehen?
Wie viel europäische Integration will die Union?
Wie sieht ihre Vorstellung von sozialer Marktwirtschaft aus?
Und vielleicht die einfachste Frage überhaupt:
Warum sollte jemand 2026 CDU wählen?
Eine Volkspartei sollte darauf eine Antwort haben, die länger ist als „weil die anderen schlimmer sind“.
Merz wollte die CDU wieder erkennbar machen
Friedrich Merz trat ursprünglich mit dem Versprechen an, das Profil der Union wieder zu schärfen. Gerade viele konservative Wähler verbanden mit ihm die Hoffnung, die CDU werde nach den Merkel-Jahren wieder deutlicher unterscheidbar.
Sollte die Union nun aber ausgerechnet unter Merz gleichzeitig an AfD und Linke verlieren, wäre das politisch bemerkenswert.
Denn dann hätte die Strategie offensichtlich weder rechts noch links funktioniert.
Der konservative Wähler sagt möglicherweise: Zu wenig CDU.
Der Wähler der politischen Mitte sagt möglicherweise: Ich weiß nicht mehr, wofür diese CDU steht.
Und der linke Wähler hatte ohnehin nie einen besonderen Grund, Friedrich Merz zu wählen.
Das wäre eine ziemlich ungünstige Kombination.
Und dann die Vertrauensfrage?
Hier wird das Gedankenexperiment interessant.
Olaf Scholz stellte am 16. Dezember 2024 die Vertrauensfrage, nachdem seine Regierungskoalition bereits zerbrochen war. Er verlor sie erwartungsgemäß mit 207 Ja-Stimmen bei 394 Nein-Stimmen und 116 Enthaltungen. Damit wurde der Weg zur vorgezogenen Bundestagswahl frei.
Bei Friedrich Merz wäre die Situation nach verlorenen Landtagswahlen zunächst eine völlig andere.
Ein Bundeskanzler muss nicht zurücktreten, weil seine Partei Landtagswahlen verliert.
Landtagswahlen sind keine Abstimmungen über das Vertrauen des Bundestages. Artikel 68 des Grundgesetzes kennt auch keine automatische Vertrauensfrage nach schlechten Umfragewerten oder verlorenen Wahlen.
Und genau deshalb wäre die politische Frage viel interessanter als die juristische:
Wann wird eine Serie von Niederlagen zu einer Autoritätskrise des Kanzlers?
Wenn die CDU in Berlin hinter der Linken landet und in zwei ostdeutschen Ländern hinter der AfD, dürfte innerhalb der Union eine ziemlich unangenehme Diskussion beginnen.
Nicht unbedingt sofort über Artikel 68 GG.
Aber sehr wahrscheinlich über Friedrich Merz.
Die berühmten 12 oder 13 Prozent
Auch hier muss man sauber unterscheiden: Persönliche Zustimmungswerte eines Kanzlers sind keine Abstimmung im Bundestag. Selbst ein Kanzler mit katastrophalen Popularitätswerten kann eine Vertrauensfrage gewinnen, solange seine parlamentarische Mehrheit hinter ihm steht.
Umgekehrt kann ein populärer Kanzler seine Mehrheit verlieren.
Aber politische Autorität besteht eben nicht nur aus 316 oder 317 erhobenen Händen im Bundestag.
Sie besteht auch aus der Fähigkeit, die eigene Partei zusammenzuhalten.
Und genau dort könnte es gefährlich werden.
Nach drei symbolträchtigen Niederlagen würde vermutlich nicht zuerst die Opposition fragen, ob Friedrich Merz noch der richtige Kanzler ist.
Diese Frage dürfte irgendwann aus der Union selbst kommen.
Leise zunächst.
Dann etwas weniger leise.
So funktionieren Parteien. Solange ein Vorsitzender Wahlen gewinnt, war seine Strategie selbstverständlich genial. Wenn er sie verliert, erinnern sich plötzlich erstaunlich viele Menschen daran, dass sie schon immer gewisse Zweifel hatten.
Das eigentliche Problem heißt CDU
Deshalb greift die Frage nach Merz möglicherweise sogar zu kurz.
Was passiert mit einer Partei, die gleichzeitig an beiden politischen Rändern verliert?
Vielleicht erleben wir gerade nicht einfach eine weitere schlechte Phase der CDU, sondern eine Identitätskrise der klassischen Volkspartei.
Die Union muss entscheiden, was sie sein will.
Eine konservative Partei?
Eine liberale Wirtschaftspartei?
Eine sozial orientierte Volkspartei?
Eine grüne Partei mit schwarzem Logo?
Eine Partei, die möglichst viele Positionen anderer Parteien übernimmt, um niemanden zu verschrecken?
Oder tatsächlich wieder eine eigenständige politische Kraft mit Positionen, bei denen der Wähler bereits vor der Wahl ungefähr weiß, was nach der Wahl passieren wird?
Denn eines funktioniert auf Dauer nicht:
Allen gefallen zu wollen und am Ende von niemandem mehr wirklich gebraucht zu werden.
Sollten die kommenden Landtagswahlen tatsächlich so ausgehen, wäre deshalb nicht die Vertrauensfrage Friedrich Merz‘ die spannendste Frage.
Die größere Vertrauensfrage müsste sich die CDU selbst stellen:
Vertrauen die Menschen dieser Partei noch zu, eine erkennbare politische Richtung zu vertreten?
Und falls die Antwort irgendwann Nein lautet, hilft auch keine rechnerische Mehrheit im Bundestag.
Dann geht es nicht mehr nur um Friedrich Merz.
Dann geht es um die Frage, ob die CDU noch weiß, warum es sie eigentlich gibt.
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