84 Millionen Einwohner, aber die Rechnung landet bei deutlich weniger Menschen
Deutschland diskutiert gern darüber, wofür der Staat noch mehr Geld ausgeben könnte. Für Verteidigung, Sozialleistungen, Infrastruktur, Klimaschutz, Entwicklungshilfe, Subventionen, Renten oder internationale Verpflichtungen. Neue Milliardenbeträge rollen inzwischen durch politische Debatten, als handele es sich um Kleingeld.
Eine Frage wird erstaunlich selten gestellt:
Wer erwirtschaftet und bezahlt dieses Geld eigentlich?
Denn Deutschland hat zwar rund 84 Millionen Einwohner. Aber 84 Millionen Einkommensteuerzahler hat dieses Land ganz sicher nicht.
Und genau hier beginnt eine Debatte, die ehrlicher geführt werden müsste.
Knapp 44 Millionen Steuerpflichtige mit positiven Einkünften
Die aktuell vollständig ausgewertete Lohn- und Einkommensteuerstatistik des Statistischen Bundesamtes betrifft das Jahr 2022. Sie weist 43.990.708 Lohn- und Einkommensteuerpflichtige mit positiven Einkünften aus.
Das klingt zunächst nach einer gewaltigen Zahl.
Allerdings steckt bereits hier eine statistische Besonderheit: Zusammen veranlagte Ehepaare werden als ein Steuerpflichtiger gezählt. Außerdem bedeutet „positive Einkünfte“ keineswegs automatisch, dass jemand eine hohe oder überhaupt nennenswerte Einkommensteuer bezahlt.
Die Zahl darf deshalb nicht mit „44 Millionen Menschen finanzieren Deutschland“ übersetzt werden.
So einfach ist es leider nicht. Wäre ja auch verdächtig übersichtlich.
Die Hälfte trägt nur 5,6 Prozent der Einkommensteuer
Richtig interessant wird es, wenn man untersucht, wer die Einkommensteuer tatsächlich bezahlt.
Nach der Einkommensteuerstatistik 2021 trug die untere Hälfte der Steuerpflichtigen zusammen gerade einmal 5,6 Prozent der festgesetzten Einkommensteuer.
Die oberen 20 Prozent dagegen zahlten bereits 73,3 Prozent.
Und die oberen zehn Prozent?
57,9 Prozent der gesamten festgesetzten Einkommensteuer.
Noch deutlicher: Das oberste eine Prozent der Steuerpflichtigen trug allein 25 Prozent der Einkommensteuer.
Damit wird aus der politischen Floskel vom „breiten Steueraufkommen“ eine ziemlich interessante Pyramide:
Ein vergleichsweise kleiner Teil der Bevölkerung trägt einen sehr großen Teil der Einkommensteuerlast.
3,2 Millionen zahlten fast die Hälfte
Für 2022 liefert Destatis noch eine bemerkenswerte Zahl.
Rund 3,2 Millionen Steuerpflichtige wurden mit dem Spitzensteuersatz von 42 Prozent besteuert. Das waren gerade einmal 7,4 Prozent der unbeschränkt Steuerpflichtigen mit zu versteuerndem Einkommen.
Diese Gruppe zahlte jedoch rund 186 Milliarden Euro Einkommensteuer.
Das entsprach 49 Prozent des gesamten Einkommensteueraufkommens.
Man kann also tatsächlich festhalten:
Gut sieben Prozent der entsprechenden Steuerpflichtigen brachten nahezu die Hälfte des Einkommensteueraufkommens auf.
Darüber kann man politisch unterschiedlich denken. Aber an der Zahl ändert die politische Einstellung erfreulicherweise noch nichts.
Und nein: Rentner und Pensionäre dürfen nicht einfach verschwinden
In solchen Rechnungen werden Ruheständler gern pauschal auf die Seite derjenigen geschoben, die angeblich nur Leistungen erhalten.
Das ist falsch.
2022 gab es 22,03 Millionen Rentenbezieher. Davon zahlten 9,34 Millionen tatsächlich Einkommensteuer.
Das waren rund 42 Prozent aller Rentenbezieher.
Bei 80 Prozent dieser steuerbelasteten Rentenempfänger lagen allerdings neben der Rente weitere Einkünfte vor, beispielsweise Arbeitseinkommen, Versorgungsbezüge oder Mieteinnahmen. Auch das gehört zur Wahrheit.
Und dann gibt es noch die Pensionäre.
Auch Beamtenpensionen sind grundsätzlich steuerpflichtige Versorgungsbezüge. Wer jahrzehntelang gearbeitet hat, anschließend Pension erhält und darauf weiterhin Einkommensteuer bezahlt, gehört selbstverständlich zur steuertragenden Bevölkerung.
Pensionär bedeutet schließlich nicht: steuerlich verstorben.
Die entscheidende Zahl lautet deshalb nicht 84 Millionen
Wenn Politiker über zusätzliche Milliarden sprechen, entsteht gelegentlich der Eindruck, Deutschland bestehe aus 84 Millionen Menschen, die gemeinsam die Rechnung begleichen.
Das stimmt nicht.
Kinder zahlen normalerweise keine Einkommensteuer. Viele Menschen mit sehr niedrigen Einkommen ebenfalls nicht. Ein erheblicher Teil der Rentner zahlt keine Einkommensteuer. Sozialleistungen selbst sind vielfach nicht einkommensteuerpflichtig.
Auf der anderen Seite stehen Arbeitnehmer, Selbständige, Unternehmer, steuerzahlende Rentner, Pensionäre, Vermieter und andere Menschen mit steuerpflichtigen Einkünften.
Die amtliche Statistik weist für 2022 knapp 44 Millionen Steuerpflichtige mit positiven Einkünften aus.
Aber selbst innerhalb dieser Gruppe ist die tatsächliche Finanzierung des Einkommensteueraufkommens extrem ungleich verteilt.
Das ist der entscheidende Punkt.
Wer bestellt, sollte gelegentlich auf die Rechnung schauen
Natürlich finanziert sich Deutschland nicht ausschließlich aus der Einkommensteuer. Hinzu kommen Mehrwertsteuer, Energiesteuern, Unternehmenssteuern und zahlreiche weitere Abgaben.
Mehrwertsteuer zahlt praktisch jeder, sobald er einkauft.
Aber wenn es um die Frage geht, welcher Teil der Bevölkerung aus seinem persönlichen Einkommen einen wesentlichen unmittelbaren Beitrag zum Steuerstaat leistet, ist die Lohn- und Einkommensteuer besonders aufschlussreich.
Und deren Verteilung sollte politische Entscheider eigentlich nachdenklich machen.
Denn ein Sozial- und Steuerstaat funktioniert dauerhaft nur, solange genügend Menschen vorhanden sind, die genügend Einkommen erwirtschaften, auf das der Staat zugreifen kann.
Die entscheidende politische Frage lautet deshalb nicht nur:
„Wofür wollen wir noch Geld ausgeben?“
Sie müsste mindestens ebenso häufig lauten:
„Wie viele Menschen erwirtschaften eigentlich das Geld, das wir gerade verteilen wollen?“
Die unbequeme Wahrheit
Deutschland hat nicht zu wenige Menschen.
Deutschland muss darauf achten, dass es nicht zu wenige wirtschaftlich leistungsfähige Steuerzahler im Verhältnis zu seinen Verpflichtungen bekommt.
2021 zahlten die oberen zehn Prozent der Einkommensteuerpflichtigen bereits 57,9 Prozent der Einkommensteuer. Die obere Hälfte zahlte 94,4 Prozent. Die untere Hälfte trug lediglich 5,6 Prozent bei.
Das bedeutet nicht, dass Menschen mit kleinen Einkommen „nichts leisten“. Sie arbeiten, konsumieren und zahlen andere Steuern und Abgaben.
Es bedeutet aber sehr wohl:
Die Finanzierung des Staates über die Einkommensteuer ruht auf deutlich weniger Schultern, als die bloße Einwohnerzahl vermuten lässt.
Und deshalb sollte bei jeder neuen milliardenschweren politischen Forderung vielleicht ein kleiner Satz dazugehören:
Bezahlt wird das nicht „vom Staat“.
Bezahlt wird es von Menschen.
Von Arbeitnehmern. Von Selbständigen. Von Unternehmern. Von steuerzahlenden Rentnern. Und selbstverständlich auch von Pensionären.
Der Staat besitzt schließlich keinen geheimnisvollen Geldbaum hinter dem Bundesfinanzministerium.
Er besitzt Steuerzahler.
Und die sollte man nicht mit einer unerschöpflichen Ressource verwechseln.
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