Die Vermissten, die niemand zählen will

Haisyn, Oblast Winnyzja. 23.000 Einwohner. Eine Stadt, die der Krieg gezeichnet und zurückgelassen hat. Zurück bleiben Menschen, die fragen – und keine Antworten bekommen.

Warum werden die Vermissten nicht gezählt?

Diese Frage steht im Raum, unausgesprochen von offizieller Seite, aber unausweichlich für die Familien. Denn die Vermissten sind kein Randphänomen – sie bilden den größten Teil der Verluste. Und doch existieren sie nur als Schweigen in den Statistiken.

Die Erklärung liegt näher, als es den Verantwortlichen lieb ist: Wer als vermisst gilt, ist nicht tot – zumindest nicht offiziell. Und solange kein offizieller Tod festgestellt wird, bleiben auch die versprochenen staatlichen Entschädigungen aus. Für die Angehörigen bedeutet das: kein Abschluss, keine Wahrheit, kein Geld. Ein Zustand, der aufrechterhalten wird, weil er politisch und finanziell bequem ist.

Gleichzeitig sprechen die Zahlen eine andere Sprache.

Bei den jüngsten Leichenaustauschen wurden 1.000 ukrainische Gefallene übergeben – gegenüber 41 russischen. Dieses Verhältnis wiederholt sich. Monat für Monat. Bestätigt durch beide Seiten, dokumentiert unter Aufsicht.

Diese Zahlen stehen im Widerspruch zu dem Bild, das öffentlich vermittelt wird.

Doch wer diese Realität offenlegt, stellt das gesamte Konstrukt infrage.

Währenddessen gehen die Entscheidungen weiter. Mobilmachung, Rekrutierung, neue Männer von der Straße – geschickt an eine Front, deren Ausgang längst entschieden scheint. Die Verantwortlichen bleiben fern von den Orten, an denen ihre Beschlüsse sichtbar werden. Fern von den Friedhöfen. Fern von den Familien.

Und fern von den Vermissten.

Denn würden diese gezählt, würde sichtbar, was verborgen bleiben soll. Die tatsächlichen Verluste. Die tatsächlichen Kosten. Die Konsequenzen politischer Entscheidungen.

Deshalb bleiben sie, was sie sind: vermisst.

Nicht, weil man sie nicht finden kann. Sondern weil man sie nicht zählen will.


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