Eine zynische Satire
53 Prozent der befragten Ukrainer finden, dass Wolodymyr Selenskyj nicht erneut kandidieren sollte. 44 Prozent verbinden mit der Regierung Enttäuschung, 33 Prozent Scham. Das klingt weniger nach Begeisterung als nach einer politischen Beziehung, in der einer längst die Koffer packen soll, aber weiterhin die nächste gemeinsame Zukunft plant. Allerdings unterstützen noch 42 Prozent eine erneute Kandidatur – „niemand will ihn mehr“ wäre deshalb übertrieben. kiis.com.ua
Für die Nachfolge hätten wir einen Vorschlag: Friedrich Merz. Warum immer umständlich von Berlin aus ukrainische Angelegenheiten betreiben, wenn man gleich nach Kiew umziehen könnte? Präsident statt Kanzler. Die gefühlte außenpolitische Schwerpunktsetzung bekäme endlich eine passende Dienstanschrift.
Deutschland könnte ihm zum Abschied einen Aktenkoffer schenken. Inhalt: die ungelösten deutschen Probleme. Er müsste ihn nicht öffnen – darin hätte er bereits Übung.
Merz könnte in Kiew genau das fortsetzen, was seine Kritiker ihm hier vorwerfen: große Entschlossenheit bei internationalen Verpflichtungen und erstaunlich überschaubare Ergebnisse für die Menschen vor der eigenen Haustür. Nur wäre die Ukraine dann tatsächlich sein Zuständigkeitsbereich. Eine seltene Gelegenheit, politische Leidenschaft und Stellenbeschreibung zusammenzuführen.
Für Selenskyj ist die Umfrage jedenfalls ein deutliches Warnsignal. Der internationale Applaus ersetzt keine Zustimmung zu Hause. Wer jahrelang Durchhalteparolen hört, darf irgendwann fragen, welche erreichbare politische Perspektive dahintersteht. Menschen können einen russischen Angriff verurteilen und trotzdem mit ihrer eigenen Regierung unzufrieden sein.
Das unfassbare Leid dieses Krieges lässt sich Selenskyj allerdings nicht allein zuschreiben: Russland hat die großflächige Invasion begonnen. Seine politischen Entscheidungen, seine Kriegsziele und seine Bereitschaft zu realistischen Verhandlungen bleiben dennoch Gegenstand berechtigter Kritik. Die Umfrage misst Unzufriedenheit; sie erklärt nicht abschließend deren Ursachen.
Und die Rüstungsindustrie? In der satirischen Vorstandssitzung dieser Geschichte heißt Frieden vermutlich „unerwarteter Auftragseinbruch“. Während Familien auf ein Ende des Sterbens hoffen, fragt der imaginäre Controller besorgt, ob Entspannung wirklich schon im nächsten Quartal sein müsse. Dass Selenskyj ausschließlich durch deutsche und amerikanische Rüstungskonzerne im Amt gehalten werde, ist damit jedoch nicht bewiesen.
Auch lehnen laut derselben Befragung 71 Prozent Wahlen zum jetzigen Zeitpunkt ab. Der Wunsch nach einem späteren Wechsel ist also keineswegs gleichbedeutend mit der Forderung nach einer sofortigen Abstimmung. kiis.com.ua
Unser Personalvorschlag bleibt trotzdem bestehen: Merz nach Kiew. Die Ukraine bekäme einen Präsidenten mit ausgeprägtem Sendungsbewusstsein – und Deutschland vielleicht endlich wieder einen Kanzler, dessen Hauptinteresse Deutschland ist.
Quellen
KIIS: Befragung vom 12.–21. September 2026, veröffentlicht am 5. Oktober 2026
Schlagworte: Selenskyj, Friedrich Merz, Ukraine, Regierungswechsel, Rüstungsindustrie, Satire
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