Man muss Friedrich Merz eines lassen: 64 Prozent Zustimmung sind für ihn durchaus erreichbar. Man muss nur die Deutschen aus der Umfrage herauslassen.
Während gerade einmal 13 Prozent der Bundesbürger mit der Arbeit ihres Kanzlers zufrieden sind, sehen ihn laut einer aktuellen Umfrage der Rating Group 64 Prozent der Ukrainer positiv. In Kiew scheint Friedrich Merz also geradezu ein politischer Sympathieträger zu sein.
Und nun einmal Hand aufs Herz: Wen überrascht das eigentlich?
Viel interessanter wäre die umgekehrte Frage:
Nennt mir drei Gründe, warum Friedrich Merz in Deutschland beliebt sein sollte.
Erstens: Wegen des versprochenen Politikwechsels?
Die Union trat mit großen Erwartungen an. Wirtschaft stärken, Migration begrenzen, Bürokratie abbauen, Leistung wieder attraktiver machen. Nur scheint bei vielen Bürgern davon bislang wenig angekommen zu sein. Ipsos stellte im Juli fest, dass die Erwartungen gerade bei Wirtschaftspolitik, Wohnungsbau, innerer Sicherheit und Bürokratieabbau deutlich verfehlt werden. 87 Prozent sagten dort sogar, Deutschland entwickle sich insgesamt in die falsche Richtung.
Ein Politikwechsel, den der Bürger mit der Lupe suchen muss, entwickelt eben nur begrenztes Begeisterungspotenzial.
Zweitens: Wegen seiner Regierungsführung?
Auch schwierig.
Im aktuellen ARD-DeutschlandTrend sind gerade einmal 13 Prozent mit der Bundesregierung zufrieden, 85 Prozent sind unzufrieden. Merz selbst kommt auf 14 Prozent.
Und inzwischen wird es sogar innerhalb der eigenen politischen Heimat ungemütlich: Im RTL/ntv-Trendbarometer sind nur noch 45 Prozent der Unionsanhänger mit Merz zufrieden, 54 Prozent dagegen unzufrieden.
Das Kunststück muss man auch erst einmal vollbringen: Kanzler der CDU sein und selbst die eigenen Leute mehrheitlich nicht überzeugen.
Drittens: Vielleicht wegen seiner Prioritäten?
Und genau hier dürfte ein Teil der Erklärung für die grotesk unterschiedlichen Werte zwischen Deutschland und der Ukraine liegen.
Deutschland gehört inzwischen zu den wichtigsten Unterstützern der Ukraine. Interessanterweise weist die Berichterstattung zur ukrainischen Umfrage selbst darauf hin, dass die Zustimmung zu deutschen Kanzlern dort parallel zur Ausweitung deutscher Hilfen gestiegen ist. Olaf Scholz kam im Februar 2025 auf 57 Prozent positive Bewertungen, Merz jetzt auf 64 Prozent.
Das ist aus ukrainischer Sicht vollkommen nachvollziehbar.
Wer politische, finanzielle und militärische Unterstützung erhält, hat schließlich gute Gründe, den Regierungschef des Geberlandes positiv zu beurteilen.
Nur besitzt der deutsche Wähler einen entscheidenden Nachteil: Er lebt in Deutschland.
Er beurteilt seinen Kanzler nicht danach, wie dieser in Kiew ankommt. Er beurteilt ihn danach, was auf seinem Konto passiert, wie sich Wirtschaft und Arbeitsplätze entwickeln, ob Wohnungen bezahlbar sind, ob der Staat funktioniert und ob politische Versprechen eingehalten werden.
Und genau dort liegt das Problem.
Das ZDF-Politbarometer vom August liefert inzwischen einen persönlichen Negativrekord für Merz: 75 Prozent sind mit seiner Arbeit unzufrieden, nur 20 Prozent zufrieden. Bei der Bewertung von Sympathie und Leistung erreicht er mit minus 1,9 seinen bisherigen Tiefstwert.
Andere Institute messen ihn sogar noch schlechter.
Man kann deshalb lange darüber philosophieren, warum Friedrich Merz in der Ukraine beliebter ist als in Deutschland.
Eigentlich ist die Antwort verblüffend simpel:
Die Ukrainer beurteilen Friedrich Merz danach, was seine Politik für die Ukraine bringt.
Die Deutschen beurteilen Friedrich Merz danach, was seine Politik für Deutschland bringt.
Und offenbar kommen beide Gruppen dabei zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.
Vielleicht sollte die Bundesregierung weniger darüber rätseln, warum ihre Umfragewerte abstürzen, und sich einmal mit einer geradezu revolutionären politischen Idee beschäftigen:
Ein deutscher Bundeskanzler könnte versuchen, zuerst bei den Menschen Vertrauen zu gewinnen, die ihn tatsächlich zum deutschen Bundeskanzler gewählt haben.
Völlig verrücktes Konzept. Aber einen Versuch wäre es wert.
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