Der Ex-Minister der Zufälle

Es gibt Menschen, die glauben an Schicksal. Andere glauben an Wahrscheinlichkeiten. Und dann gibt es die deutsche Politik. Dort heißt das Ganze schlicht: Zufall.

Ein Unternehmen verkauft sein Wärmepumpengeschäft genau in jener Zeit, in der die Politik Wärmepumpen zum gefühlt wichtigsten Haushaltsgerät seit der Erfindung der Glühbirne erklärt. Reiner Zufall.

Der Markt explodiert. Die Nachfrage schießt durch die Decke. Unternehmenswerte steigen. Investoren reiben sich die Hände. Natürlich alles nur wegen des Wetters. Oder wegen der Sterne. Wer würde da schon einen Zusammenhang mit politischem Handeln vermuten?

Später findet ein ehemaliger Minister eine neue Aufgabe bei einem Unternehmen, an dem wiederum eine Unternehmensgruppe beteiligt ist, die denselben traditionsreichen Namen trägt. Auch das ist selbstverständlich Zufall. Die Welt ist schließlich klein. Besonders dann, wenn sie aus Vorstandsetagen, Investmentfonds und Ministerien besteht.

Kritische Bürger stellen dann diese unangenehme Frage: Gibt es hier möglicherweise einen Interessenkonflikt?

Die Antwort lautet zuverlässig: Nein.

Denn wenn genügend Pressesprecher gleichzeitig sagen, dass es keinen Zusammenhang gibt, dann verschwindet jeder Zweifel fast so schnell wie Heizungsförderprogramme nach einer Haushaltsdebatte.

Und überhaupt: Kontakte sind heute kein Problem mehr. Man nennt sie Netzwerke.

Früher sprach man von Filz. Heute heißt das „Stakeholder-Management“, „Public Affairs“ oder „Senior Advisor“. Das klingt moderner und kostet deutlich mehr pro Stunde.

Besonders faszinierend ist die erstaunliche Häufung glücklicher Zufälle.

Politische Entscheidungen verändern ganze Märkte.

Unternehmen profitieren.

Investoren profitieren.

Berater profitieren.

Und irgendwann tauchen ehemalige Spitzenpolitiker plötzlich genau dort auf, wo Milliarden bewegt werden.

Man könnte fast meinen, zwischen Politik und Wirtschaft gäbe es Drehtüren.

Aber das wäre natürlich eine völlig absurde Vermutung. Wahrscheinlich treffen sich einfach immer dieselben Menschen zufällig auf denselben Empfängen, in denselben Aufsichtsräten, auf denselben Konferenzen und später in denselben Unternehmen.

So klein ist die Welt.

Wer dennoch Fragen stellt, gilt schnell als Verschwörungstheoretiker.

Dabei lautet die eigentliche Verschwörung offenbar lediglich: Es gibt unglaublich viele Zufälle.

So viele Zufälle, dass statistisch gesehen vermutlich eher ein Blitz zweimal an derselben Stelle einschlägt, während gleichzeitig jemand den Lotto-Jackpot gewinnt.

Vielleicht ist das tatsächlich alles harmlos.

Vielleicht ist es tatsächlich bloß eine Reihe außergewöhnlicher Zufälle.

Oder vielleicht wäre es für das Vertrauen in die Demokratie einfach hilfreich, wenn politische Entscheidungen und spätere Karriereschritte so transparent wären, dass solche Fragen gar nicht erst entstehen.

Bis dahin bleibt den Bürgern immerhin der Trost, dass Deutschland offenbar das Land mit der weltweit höchsten Dichte an glücklichen Zufällen ist.

Und Zufälle haben bekanntlich einen großen Vorteil:

Sie müssen sich niemals rechtfertigen.


Anmerkung der Redaktion:

Aus rein satirischer Vorsicht wurden in diesem Beitrag bewusst keine Personen namentlich genannt. Sämtliche dargestellten Zufälle sind selbstverständlich rein zufälliger Natur. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, Unternehmen oder Netzwerken mögen Leserinnen und Leser bitte ihrer eigenen Fantasie zuschreiben.

Man hört schließlich immer wieder, dass Satire gelegentlich juristischen Beistand benötigt. Diesem Zufall möchten wir lieber nicht begegnen.

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