Über Jahrhunderte war Bermeja auf Karten des Golfs von Mexiko eingezeichnet: eine kleine, rötlich schimmernde Insel vor der Halbinsel Yucatán. Sie hätte Mexikos Ansprüche auf Meeresgebiete und mögliche Öl- und Gasvorkommen stärken können. Doch als Wissenschaftler 2009 gezielt nach ihr suchten, fanden sie weder Land noch Spuren davon auf dem Meeresboden.
Die ältesten Hinweise stammen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Alonso de Chaves beschrieb Bermeja als kleine Insel, die man von Weitem rötlich sehe. Ein gedrucktes Kartenwerk von Alonso de Santa Cruz aus dem Jahr 1539 führt sie ebenfalls auf. Die Jahreszahl 1540 ist also eine grobe zeitliche Einordnung: Die Überlieferung setzt bereits einige Jahre früher ein.
Dass Bermeja auf vielen späteren Karten wieder auftauchte, ist kein Beweis dafür, dass mehrere Kartografen sie selbst gesehen hatten. Eine aktuelle historische Untersuchung beschreibt, wie Kartenmacher frühere Angaben übernahmen und weitertrugen. So konnte ein einmal eingetragener Ort über Generationen auf Karten stehen bleiben, obwohl seine Existenz längst angezweifelt wurde. Spätestens im 18. Jahrhundert gab es Zweifel; manche Kartografen markierten die Insel mit einem Fragezeichen oder führten sie nur noch unter Vorbehalt.
Die Suche im Golf
Die Vermutung, Bermeja könne Mexikos maritime Ansprüche beeinflussen, machte aus dem Kartenrätsel eine politische Frage. 2008 bat der mexikanische Kongress um eine Untersuchung. Im März 2009 suchten Wissenschaftler der Nationalen Autonomen Universität Mexikos (UNAM) nach der Insel – an der überlieferten Position bei ungefähr 22° 33′ nördlicher Breite und 91° 22′ westlicher Länge.
Die Expedition kombinierte historische und kartografische Auswertung mit Luftaufnahmen und einer Untersuchung des Meeresbodens. Die Messungen ergaben dort eine Tiefe von rund 1.472 Metern und einen flachen Meeresboden. Die Forscher fanden weder eine Insel noch erkennbare Überreste. Nach der damaligen Auswertung gab es an dieser Stelle auch in den vergangenen 5.300 Jahren keine Insel. Das Ergebnis widerlegt damit besonders deutlich die Vorstellung, Bermeja sei erst in jüngerer Zeit plötzlich versunken.
Versenkt, versunken – oder schlicht falsch eingezeichnet?
Wo eine Insel auf alten Karten steht und später nicht mehr auffindbar ist, entstehen leicht dramatische Erklärungen. Bermeja soll durch einen Tsunami oder geologische Vorgänge untergegangen sein. Die bekannteste Verschwörungserzählung behauptet, die CIA habe sie zerstört, damit die Vereinigten Staaten bei der Aufteilung möglicher Ölressourcen einen Vorteil erhielten.
Für eine gezielte Zerstörung gibt es keine belastbaren Belege. Und die 2009 veröffentlichten Messungen sprechen gegen ein Versinken an der eingezeichneten Stelle in jüngerer Zeit: Dort fehlt nicht nur trockenes Land, sondern auch ein entsprechender Hinweis auf dem Meeresboden. Die plausibelste Erklärung ist deshalb ein alter Kartenfehler, der von späteren Karten übernommen wurde. Ganz ausschließen lässt sich damit nicht, dass ein Ort gleichen Namens anderswo gemeint war. Für die Bermeja an den überlieferten Koordinaten gibt es jedoch keinen wissenschaftlichen Nachweis.
Ein Ölverlust durch eine Phantominsel?
Die wirtschaftliche Bedeutung ist nicht frei erfunden: Eine Insel kann bei der Abgrenzung von Meeresgebieten eine Rolle spielen. Bermeja wurde deshalb mit möglichen Öl- und Gasvorkommen im westlichen Golf von Mexiko in Verbindung gebracht. Daraus folgt aber nicht, dass Mexiko durch das Verschwinden einer realen Insel nachweislich bestimmte Vorkommen verloren hat.
Die Grenzziehung auf dem Festlandsockel jenseits von 200 Seemeilen wurde durch einen Vertrag zwischen Mexiko und den USA aus dem Jahr 2000 geregelt. Das Abkommen behandelt ausdrücklich auch mögliche grenzüberschreitende Kohlenwasserstoffvorkommen. Die Vorstellung, Bermeja hätte automatisch Mexiko sämtliche vermuteten Ölreserven zugesprochen, ist daher eine politische Spekulation – keine gesicherte Bilanz eines tatsächlich eingetretenen Verlusts.
Bermeja ist damit mehr als ein Kuriosum der Kartengeschichte. Sie zeigt, wie ein Eintrag auf einer alten Karte durch Wiederholung den Anschein von Gewissheit gewinnen kann – und wie aus dieser Gewissheit Jahrhunderte später eine geopolitische Hoffnung und eine Verschwörungserzählung wird. Der Meeresboden lieferte schließlich eine nüchterne Antwort: An der Stelle, an der die Karten die Insel verorten, ist keine.
Quellen
Julio María Fernández Meza, „El imaginario geográfico y la insularidad de la isla Bermeja“ (2026)
La Jornada, „No encuentran la Isla Bermeja“ (24. Juni 2009)
El País, „El misterio de la isla Bermeja“ (29. Mai 2014)
Mexikanisches Außenministerium, Vertrag zur Abgrenzung des Festlandsockels im westlichen Golf von Mexiko
U.S. Bureau of Ocean Energy Management, Übersicht zu den Verträgen über Seegrenzen und grenzüberschreitende Kohlenwasserstoffe
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