Eine leuchtende Kugel schwebt nach einem Blitz über ein Feld, bewegt sich für Sekunden durch die Luft und verschwindet wieder. Über Jahrhunderte klang das nach Seemannsgarn: nach einer Geschichte, die man sich im Dunkeln erzählt, weil niemand sie beweisen kann. Heute gibt es erstmals Messdaten zu einem natürlichen Ereignis, das als Kugelblitz eingeordnet wurde. Das Rätsel ist damit kleiner geworden – aber längst nicht gelöst.
Berichte über kugelförmige Lichter reichen weit zurück. Sie ähneln einander in manchen Punkten, unterscheiden sich in anderen jedoch erheblich: Die beschriebenen Erscheinungen variieren in Farbe, Größe, Bewegung und Dauer. Genau das machte die Forschung schwierig. Ein Augenzeuge kann glaubhaft schildern, was er gesehen hat. Doch ohne Foto, Messung oder unabhängige Beobachtung lässt sich oft nicht feststellen, ob verschiedene Berichte tatsächlich dasselbe Phänomen beschreiben.
Ein seltenes Ereignis wurde messbar
Ein wichtiger Schritt gelang 2012 auf dem tibetischen Hochland in China. Ein Forschungsteam beobachtete eigentlich gewöhnliche Blitze und zeichnete zufällig ein Ereignis auf, das die Forschenden als Kugelblitz einstuften. Die Beobachtung wurde 2014 in der Fachzeitschrift Physical Review Letters veröffentlicht.
Zwei Spektrografen erfassten das Licht aus etwa 900 Metern Entfernung. Das Objekt entstand nach einem Blitzeinschlag in den Boden, bewegte sich während seiner Leuchtdauer waagerecht und verschwand nach kurzer Zeit. Im Lichtspektrum fanden sich Hinweise auf Elemente aus dem Boden, darunter Silizium, Eisen und Kalzium. Das passt zu der Möglichkeit, dass der Blitz Bodenmaterial verdampfte oder in glühende Teilchen verwandelte.
Das ist ein starkes Indiz dafür, dass zumindest manche Berichte auf reale atmosphärische Leuchterscheinungen zurückgehen. Es beweist aber weder, dass jede überlieferte Sichtung einen Kugelblitz beschreibt, noch dass alle Kugelblitze auf dieselbe Weise entstehen.
Eine Beobachtung ist noch keine vollständige Erklärung
Die Messung von 2012 stützt eine Erklärung, die sich auf verdampftes Bodenmaterial bezieht. Sie beantwortet jedoch nicht alle Fragen: Wie bleibt eine solche Erscheinung über Sekunden hinweg sichtbar? Was hält sie zusammen? Und warum berichten Menschen von Kugelblitzen, die in Gebäuden oder sogar Flugzeugen auftreten?
Weitere Erklärungsansätze setzen bei elektrischen Entladungen, Plasma oder elektromagnetischen Feldern an. Im Labor konnten Forschende leuchtende Kugeln erzeugen, die einzelnen Beschreibungen ähneln. Doch eine ähnliche Erscheinung im Experiment beweist nicht, dass sie denselben Ursprung hat wie ein natürlich beobachteter Kugelblitz. Eine aktuelle Übersicht zur Forschung hält fest: Das Phänomen wird durch zahlreiche Augenzeugenberichte gestützt, eine allgemein akzeptierte Erklärung gibt es aber weiterhin nicht.
Ernst genommen heißt nicht: abschließend verstanden
Der Wandel besteht nicht darin, dass plötzlich jede Erzählung über ein rätselhaftes Licht als wissenschaftliche Tatsache gilt. Er besteht darin, dass Kugelblitze nicht mehr pauschal als Fantasie abgetan werden können. Es gibt eine instrumentell dokumentierte natürliche Beobachtung, deren Spektrum wichtige Hinweise liefert. Zugleich bleibt offen, ob unter dem Namen „Kugelblitz“ ein einheitlicher Vorgang oder mehrere unterschiedliche Erscheinungen zusammengefasst werden.
So bleibt der Kugelblitz ein seltenes Forschungsobjekt: zu flüchtig und unberechenbar, um ihn einfach auf Bestellung zu messen, aber zu gut dokumentiert, um ihn bloß ins Reich der Legenden zu verbannen. Das Seemannsgarn hat Messdaten bekommen. Die Erklärung fehlt noch.
Quellen
- Jianyong Cen, Ping Yuan und Simin Xue, „Observation of the Optical and Spectral Characteristics of Ball Lightning“, Physical Review Letters (2014): https://doi.org/10.1103/PhysRevLett.112.035001
- M. L. Shmatov und R. Stephan, „Advances in ball lightning research“ (Übersichtsarbeit, 2019): https://doi.org/10.1016/j.jastp.2019.05.012
Schlagworte: Kugelblitz, Gewitter, Atmosphärenphysik, Spektroskopie, Blitzforschung, Augenzeugenberichte
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