Die Bildungsergebnisse sind schlecht, immer mehr Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss – und die Bayern-SPD hat eine Antwort gefunden: Das Sitzenbleiben soll abgeschafft werden. Wer Schwierigkeiten in einzelnen Fächern hat, soll gezielte Förderung bekommen, statt gleich ein ganzes Schuljahr zu wiederholen. Außerdem fordert die SPD mehr Geld für Schulen und mehr Zeit für individuelle Betreuung. Das klingt zunächst nach einem ernst gemeinten Vorhaben. Aber in der politischen Übersetzung könnte daraus bald etwas ganz anderes werden: Wenn die Leistung nicht stimmt, ändern wir eben die Regeln.
Denn wenn niemand mehr sitzen bleibt, stellt sich die Frage, was künftig eigentlich noch als Scheitern gilt. Eine Fünf in Mathe? Ein leeres Heft? Die vage Erinnerung daran, dass es irgendwo im Stundenplan auch Deutsch gab? Ach, halb so wild: Die nächste Klasse wartet bereits. Und zwar unabhängig davon, ob der Stoff aus der vorherigen überhaupt angekommen ist.
Natürlich fordert die SPD nicht ausdrücklich das automatische Abitur. Noch nicht. Aber die Fantasie darf sich schon einmal warm laufen:
- Automatische Versetzung nach bloßer Anwesenheit.
- Automatischer Realschulabschluss nach bestandener Pausenaufsicht.
- Abitur für alle, die am Prüfungstag den Weg bis zur Schule gefunden haben.
- Wer die Tür zum Klassenzimmer eigenständig öffnen kann, bekommt vielleicht noch einen Zusatzpunkt.
Das wäre dann die PISA-Reform nach dem Motto: Wenn die Messlatte zu hoch ist, muss man nicht zwingend besser springen lernen. Man kann sie auch tiefer legen, abschaffen oder durch ein freundliches Hinweisschild ersetzen: Bitte nicht mit schlechten Ergebnissen belasten.
Dabei wäre gezielte Förderung durchaus sinnvoll – wenn sie tatsächlich stattfindet. Dafür braucht es Lehrkräfte, Zeit, kleinere Lerngruppen und funktionierende Schulen. Es reicht nicht, das Sitzenbleiben aus dem Regelwerk zu streichen und so zu tun, als sei damit das Problem gelöst. Wer einem Schüler den Wiederholungsbedarf nimmt, ohne ihm den fehlenden Stoff beizubringen, hat nicht geholfen. Er hat nur den Kalender beruhigt.
Die SPD sagt, niemand solle zurückgelassen werden. Ein schöner Satz. Doch Bildung besteht nicht darin, alle möglichst gleichmäßig durch die Klassenstufen zu schieben. Sie besteht darin, dass am Ende auch etwas gelernt wurde. Sonst wird aus der Schule eine Art Förderband: Wer vorne hineingeht, kommt hinten mit einem Zeugnis heraus – und irgendwo dazwischen hofft man, dass sich Lesen, Schreiben und Rechnen von selbst eingestellt haben.
Vielleicht kommt als Nächstes tatsächlich der automatische Schulabschluss. Ein Knopfdruck, ein freundlicher Gong, ein Zertifikat aus dem Drucker. Und falls die PISA-Ergebnisse danach immer noch schlecht sind, erklären wir die Tests einfach für nicht bestanden – von den Tests.
So könnte man sich die Bildungswende sparen. Man müsste nur noch die Wirklichkeit abschaffen.
Quellen
Bayern-SPD, „Fördern statt durchfallen lassen“, 18. Oktober 2026: https://bayernspd.de/presse/pressemitteilungen/?id=1226252
Süddeutsche Zeitung, „Bayern-SPD will Sitzenbleiben abschaffen“, 18. Oktober 2026: https://www.sueddeutsche.de/politik/schule-bayern-spd-will-sitzenbleiben-abschaffen-li.3565418
Schlagworte: Bildungspolitik, SPD, Sitzenbleiben, PISA, Schule, Satire
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