Eine Person treibt gefesselt in einem Pool. Verdacht auf Mord. Junge, Junge, Junge – wer denkt sich denn solche gewagten Thesen aus? Da haben wir sie wieder: die ganz große Kunst des Qualitätsjournalismus. Ein paar Fakten, ein paar Fragezeichen und Ermittler, die offenbar jedes Wort mit der Pinzette aus dem Wasser holen.
Erstens: „Verdacht auf Mord.“

Das ist natürlich eine erstaunlich kühne Vermutung. Ein Mann liegt gefesselt im Pool – und irgendjemand wagt es, einen möglichen Zusammenhang zwischen Fesseln, Wasser und Tod zu erwägen. Fast schon voreilig. Wo bleibt die journalistische Zurückhaltung? Vielleicht war es ja ein ungewöhnlicher Wellness-Trend. Oder eine besonders anspruchsvolle Schwimmübung, bei der die Arme ausnahmsweise nicht mitmachen sollten.
Zweitens: „Die Behörden stufen den Vorfall als verdächtig ein.“

Verdächtig? Was soll daran verdächtig sein? Ein Mensch wird tot in einem Pool gefunden, offenbar gefesselt, daneben ein Seil. Da kann man doch unmöglich schon misstrauisch werden. Erst einmal tief durchatmen und abwarten, ob sich vielleicht eine ganz harmlose Erklärung ergibt. Die Polizei hat schließlich noch nicht offiziell bestätigt, dass eine Straftat vorliegt. Und solange das nicht bestätigt ist, bleibt die Möglichkeit bestehen, dass Musiker sich gelegentlich selbst fesseln, in den Pool steigen und dort – nun ja – auf tragische Weise verunglücken.
Drittens: Der Notruf meldet eine gefesselte Person im Pool.

Für den Mann kommt jede Hilfe zu spät. Später zeigen Aufnahmen ein blaues Seil, das vom Bereich neben dem Pool ins Wasser führt. Ob es das Seil war, mit dem der Mann gefesselt wurde, sei unklar.
Unklar! Damit ist die Sache doch praktisch geklärt – also gerade nicht geklärt. Vielleicht war das blaue Seil nur dekorativ. Vielleicht gehörte es zum Gartenmobiliar. Oder es war eine sogenannte Trugschnur: eine Schnur, die eigens so platziert wird, dass alle glauben, sie habe etwas mit dem gefesselten Mann im Pool zu tun. Eine raffinierte Methode, um Ermittler und Journalisten auf eine falsche Fährte zu locken – beziehungsweise auf eine falsche Schnur.
Man muss solche Möglichkeiten ernst nehmen. Schließlich könnte sich der Mann selbst gefesselt, eine Ersatzschnur neben dem Becken drapiert und anschließend einen Badeunfall herbeigeführt haben. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, solange die Fakten noch nicht abschließend bestätigt sind.
Viertens: Die Schwester tappt im Dunkeln. Die Polizei äußert sich nicht.

Der Tote wird in die Gerichtsmedizin gebracht, wo die genaue Todesursache festgestellt werden soll. Das dürfte tatsächlich nicht allzu schwer sein: Man untersucht einen Mann, der gefesselt in einem Pool gefunden wurde. Trotzdem bleibt die zentrale Frage zunächst offen: Wurde ein Verbrechen begangen?
Natürlich könnte es auch ein Unfall gewesen sein. Ein tragischer, komplizierter, mit Seil und Pool verbundener Unfall, dessen genaue Umstände erst noch ermittelt werden müssen. Bis dahin gilt die hohe Kunst der ausgewogenen Berichterstattung: Alles erwähnen, nichts festlegen und selbst das Naheliegende vorsichtshalber in Konjunktiv und Fragezeichen einwickeln.
Denn wer weiß: Vielleicht ist ein gefesselter Mensch im Pool tatsächlich nur ein ganz normaler Badegast, der sich für eine ungewöhnliche Schwimmtechnik entschieden hat. Die Polizei prüft. Die Gerichtsmedizin untersucht. Die Familie weiß wenig. Und der Journalismus hält sich mit einer bewundernswerten Disziplin zurück – zumindest so lange, bis das Offensichtliche amtlich genug klingt, um es ohne Verdacht auf voreilige Schlüsse aussprechen zu dürfen.
Quellen
- CBS Miami, „Venezuelan singer, composer found dead in backyard pool at Weston home, investigators calling death ‘suspicious’“: https://www.cbsnews.com/miami/news/gus-ormo-venezuelan-singer-found-dead-weston-pool-suspicious-death/
- NBC 6 South Florida, „BSO investigating ‘suspicious’ death of man found in Weston pool“: https://www.nbcmiami.com/news/local/bso-investigating-suspicious-death-of-man-found-in-pool-at-weston-home/3873883/
- Gus Ormo ist tot: toter Star-Musiker gefesselt im Pool entdeckt – Polizei ermittelt
Schlagworte: Gus Ormo, Poolfund, Ermittlungen, Polizeiberichterstattung, Satire
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