In Brüssel gibt es warme Worte. Anderswo gibt es 42 Tonnen Wasser.
Ursula von der Leyen hat wieder einen dieser Sätze produziert, die in Brüssel vermutlich sofort eingerahmt und in einen klimaneutral beleuchteten Flur gehängt werden:
„Europäische Solidarität hat ein Gesicht. Das Gesicht jedes Feuerwehrmannes, der diesen Sommer die Flammen in Europa bekämpfte. Sie sind wahre Helden.“
Und dann kommt der Höhepunkt:
Ihre Rede zur Lage der Union werde ihnen huldigen.
Na, wunderbar.
Da werden die Feuerwehrleute aber erleichtert sein.
- Wochenlang gegen Flammen kämpfen,
- Rauch einatmen,
- bei mörderischer Hitze Wälder, Dörfer und Häuser verteidigen,
- teilweise das eigene Leben riskieren –
- und als Belohnung gibt es eine Huldigung von Ursula von der Leyen.
Da erzählt man noch den Enkeln von.
„Opa, was hast du damals beim großen Waldbrand bekommen?“
„Eine Huldigung, mein Junge.“
„Ein neues Löschflugzeug?“
„Nein.“
„Mehr Personal?“
„Nein.“
„Bessere Ausrüstung?“
„Auch nicht.“
„Aber Ursula hat an dich gedacht?“
„So ungefähr.“
European solidarity has a face.
The face of each firefighter who battled the flames through Europe this summer.
They are true heroes.
Their courage, and for some, their sacrifice, will always be remembered.
My State of the Union address will pay tribute to them. pic.twitter.com/zZM5tHlWV1
— Ursula von der Leyen (@vonderleyen) September 9, 2026
Früher war Katastrophenschutz erstaunlich unkompliziert
Es gab einmal eine geradezu primitive Vorstellung von internationaler Zusammenarbeit:
Wenn es irgendwo brennt und jemand geeignetes Gerät besitzt, dann hilft er.
So kompliziert war das.
Griechenland beispielsweise setzte 2021 russische Löschtechnik ein. Darunter befand sich die Berijew Be-200, ein speziell für solche Einsätze entwickeltes Amphibienflugzeug.
Diese Maschinen haben einen entscheidenden Vorteil: Sie können große Mengen Wasser aufnehmen und direkt zum Brandherd bringen.
Keine Huldigung.
Kein Hashtag.
Kein europäisches Strategiepapier.
Wasser.
Eine geradezu erschreckend praktische Erfindung.
Griechenland bat Russland damals während der schweren Brände sogar um zusätzliche Hilfe. Russland schickte weitere Flugzeuge und Hubschrauber.
Offenbar hatte man damals noch nicht entdeckt, dass Wasser eine geopolitische Gesinnung besitzt.
Dann kam der große politische Bruch
Seit dem Ukrainekrieg ist die Zusammenarbeit zwischen der EU und Russland in zahllosen Bereichen zerstört oder massiv eingeschränkt worden.
Sanktionen, Gegensanktionen, Luftverkehrsbeschränkungen, Zulassungsprobleme und der vollständige politische Bruch haben auch die Zusammenarbeit erschwert, die früher bei Katastrophen selbstverständlich möglich war.
Und selbstverständlich kann man Russland sanktionieren.
Man kann diplomatische Beziehungen reduzieren.
Man kann wirtschaftliche Zusammenarbeit einstellen.
Man kann sämtliche politischen Beziehungen auf den Gefrierpunkt herunterfahren.
Aber spätestens wenn Wälder brennen und Menschenleben bedroht sind, darf man trotzdem die ketzerische Frage stellen:
Muss eigentlich selbst der Katastrophenschutz zum Bestandteil geopolitischer Feindschaft werden?
Denn Feuer hat eine ausgesprochen schlechte politische Bildung.
Es weiß nicht, wer Putin ist.
Es kennt Ursula von der Leyen nicht.
Es interessiert sich nicht für NATO, EU oder Sanktionen.
Und wenn 42 Tonnen Wasser aus einem russischen Flugzeug fallen, fragt der brennende Wald erstaunlicherweise nicht nach deren Herkunft.
Er wird nass.
Serbien zeigt 2026, wie absurd die Situation geworden ist
Und nun wird es besonders interessant.
Im August dieses Jahres kämpfte Serbien gegen schwere Waldbrände.
Die europäischen Löschkapazitäten waren wegen der zahlreichen Brände stark beansprucht. Serbien wandte sich deshalb auch an Russland.
Und Russland schickte eine Iljuschin Il-76.
Ein richtiges Löschflugzeug.
Kein Solidaritätsposting.
Keinen Blumenstrauß.
Keine Rede zur Lage der Russischen Föderation.
Ein Flugzeug.
Die Maschine kann rund 42 Tonnen Wasser transportieren. Nach Angaben der serbischen Regierung absolvierte die russische Besatzung innerhalb weniger Tage 22 Einsätze und warf insgesamt 924 Tonnen Wasser über den Brandgebieten ab.
924 Tonnen.
Das ist eine interessante Maßeinheit für Solidarität.
Man könnte sagen:
Die eine Solidarität wird in Worten gemessen. Die andere in Tonnen Wasser.
Serbien aktivierte übrigens gleichzeitig den EU-Katastrophenschutzmechanismus und erhielt anschließend ebenfalls europäische Unterstützung. Genau das ist der entscheidende Punkt: Katastrophenschutz kann und sollte pragmatisch von mehreren Seiten gleichzeitig funktionieren.
Menschenleben zuerst.
Geopolitik später.
Was für ein geradezu revolutionärer Gedanke.
Und das russische Flugzeug durfte sogar durch NATO-Luftraum
Noch hübscher wird die Geschichte dadurch, dass die russische Maschine auf ihrem Weg nach Serbien den Luftraum des EU- und NATO-Mitglieds Bulgarien durchqueren konnte.
Warum?
Weil es sich um einen humanitären Einsatz handelte.
Aha.
Es geht also doch.
Wenn man will.
Damit wird die entscheidende Frage umso unangenehmer:
Warum sollte Europa bei verheerenden Naturkatastrophen nicht grundsätzlich jede verfügbare geeignete Löschkapazität nutzen können, völlig unabhängig davon, ob sie aus Frankreich, Kanada, Russland oder vom Mars kommt?
- Niemand verlangt deswegen die Aufhebung sämtlicher Sanktionen.
- Niemand verlangt politische Freundschaft mit Moskau.
- Niemand verlangt, Putin den Schlüssel zum Berlaymont-Gebäude zu überreichen.
- Es geht um einen eng begrenzten Bereich:
- Menschen retten. Wälder retten. Häuser retten. Feuerwehrleute entlasten.
- Eigentlich überschaubar.
Aber Europa kann auch selbst löschen
Fairerweise muss man sagen: Die EU sitzt keineswegs völlig untätig herum.
Für die Brandsaison 2026 stellte sie ihre bislang größte europäische Löschreserve bereit. Fast 800 Feuerwehrleute wurden vorsorglich in besonders gefährdete Regionen entsandt, außerdem stehen Flugzeuge und Hubschrauber über den europäischen Katastrophenschutz bereit.
Das ist sinnvoll und richtig.
Nur beantwortet es die andere Frage nicht.
Wenn die eigenen Kapazitäten bei einer europaweiten Brandlage an ihre Grenzen kommen, warum sollte man zusätzliche verfügbare Kapazitäten aus politischen Gründen grundsätzlich ausschließen?
Gerade Serbien hat doch gezeigt, wie vernünftiger Katastrophenschutz aussehen kann:
EU-Hilfe? Her damit.
Russische Hilfe? Ebenfalls her damit.
Denn ein brennendes Haus fragt seinen Besitzer nicht, ob er lieber mit europäischem oder russischem Wasser gelöscht werden möchte.
Ursula verteilt derweil verbale Orden
Und deshalb wirkt dieses ganze Pathos aus Brüssel so schal.
Selbstverständlich sind Feuerwehrleute Helden.
Dazu brauchen sie keine Ursula von der Leyen, die es ihnen erklärt.
Menschen, die in ein Feuer hineingehen, während andere davor weglaufen, verdienen höchsten Respekt.
Aber gerade deshalb sollte Politik etwas anderes tun, als ihnen anschließend feierlich zu „huldigen“.
Sie sollte dafür sorgen, dass diese Menschen die bestmögliche Ausrüstung bekommen.
Sie sollte jede verfügbare Löschkapazität prüfen.
Sie sollte internationale Zusammenarbeit im Katastrophenschutz nicht ideologisieren.
Und sie sollte wenigstens darüber diskutieren, ob humanitäre Zusammenarbeit mit Russland dort möglich bleibt, wo unmittelbar Menschenleben auf dem Spiel stehen.
Denn Feuerwehrleute brauchen keine Heldenreden.
Sie brauchen Wasser.
Die europäische Lösung: Erst Politik, dann Pathos
Das ist vielleicht die schönste Ironie an der ganzen Geschichte.
Man betreibt eine Politik der maximalen Abgrenzung gegenüber Russland und beklagt gleichzeitig, dass Europa bei großen Katastrophen mehr Kapazitäten benötigt.
Dann brennen Wälder.
Feuerwehrleute riskieren ihr Leben.
Und anschließend tritt Ursula von der Leyen ans Mikrofon und erklärt diese Menschen zu Helden.
Das sind sie zweifellos.
Nur könnte man ihnen das Heldendasein vielleicht etwas erleichtern.
Serbien hat gerade demonstriert, wie wenig kompliziert das sein kann:
Es brennt. Man braucht Hilfe. Man nimmt Hilfe an.
Europäische Hubschrauber kommen?
Gut.
Russisches Großraum-Löschflugzeug kommt?
Auch gut.
Hauptsache, das Feuer geht aus.
Diese Form von Pragmatismus scheint in der europäischen Spitzenpolitik inzwischen allerdings eine exotischere Ressource zu sein als ein russisches Löschflugzeug.
Nachsatz:
Liebe Frau von der Leyen, Feuerwehrleute können von Ihrer Huldigung leider keinen einzigen brennenden Quadratmeter Wald löschen. Vielleicht wäre es beim nächsten Großbrand sinnvoller, weniger darüber nachzudenken, aus welchem Land ein Löschflugzeug stammt, und mehr darüber, wie viel Wasser es transportieren kann. Denn Feuer lässt sich weder mit Sanktionen noch mit Sonntagsreden löschen.
Hashtags:
#UrsulaVonDerLeyen #EU #Waldbrände #Feuerwehr #Katastrophenschutz #Russland #Serbien #Löschflugzeuge #Il76 #Be200 #Brüssel #EuropäischeUnion #Solidarität #Satire