Bomben sollten die Bedrohung beseitigen. Nun produziert Teheran wieder Raketen. Eine Bilanz, die unangenehme Fragen aufwirft.
Man erinnere sich an die vollmundigen Erklärungen: Der Iran dürfe keine existenzielle Bedrohung für Israel darstellen. Seine militärischen Fähigkeiten müssten zerschlagen, seine Raketenproduktion zerstört und sein nukleares Potenzial ausgeschaltet werden.
Benjamin Netanyahu begründete den Angriff auf den Iran ausdrücklich auch mit der angeblich existenziellen Gefahr durch dessen ballistisches Raketenprogramm. Israelische Stellen warnten vor Tausenden iranischen Raketen in den kommenden Jahren.
Und Donald Trump? Der amerikanische Präsident setzte einmal mehr auf militärische Stärke und maximalen Druck. Bomben, Sanktionen und Drohungen sollten erreichen, was Diplomatie offenbar nicht schnell genug liefern konnte.
Nun lohnt sich ein Blick auf das Ergebnis.
Der Iran baut seine Raketenindustrie wieder auf. Und offenbar schneller, als mancher Stratege in Washington und Tel Aviv erwartet hatte.
Die Jerusalem Post berichtete bereits im Juli unter Berufung auf Satellitenbilder, dass beschädigte iranische Anlagen schneller wiederhergestellt würden als erwartet. Der ehemalige israelische Luftverteidigungskommandeur Ran Kochav bescheinigte dem Iran bemerkenswerte industrielle Wiederaufbaukapazitäten. Teilweise waren offenbar lediglich Tunneleingänge verschüttet worden, während darunterliegende Anlagen und Bestände erhalten blieben.
Andere Analysen gehen davon aus, dass der Iran seine Raketenproduktion bereits wieder aufgenommen hat. Über das genaue Tempo gibt es allerdings erhebliche Unsicherheit. Öffentlich genannte Schätzungen reichen von etwa 100 Raketen monatlich bis deutlich darüber. Eine belastbare öffentliche Zahl über die aktuelle Gesamtproduktion gibt es bislang nicht.
Und genau hier beginnt das politische Problem.
Was wurde eigentlich gewonnen?
Wenn das erklärte Ziel darin bestand, die iranische Raketenbedrohung dauerhaft zu beseitigen, dann genügt es eben nicht, Fabrikhallen zu bombardieren und anschließend den Sieg zu verkünden.
Eine Industrieanlage kann wiederaufgebaut werden.
Ein Tunneleingang kann freigeräumt werden.
Maschinen können ersetzt werden.
Und ein Staat, der gerade erlebt hat, dass seine militärische Infrastruktur aus der Luft angegriffen werden kann, bekommt dadurch einen geradezu lehrbuchmäßigen Anreiz, noch stärker auf unterirdische Anlagen, Dezentralisierung und eine möglichst große Raketenproduktion zu setzen.
Das ist die bittere Ironie dieser Strategie: Man wollte dem Iran beweisen, dass er weniger Raketen braucht, und könnte ihm stattdessen eindrucksvoll demonstriert haben, warum er aus seiner Sicht mehr davon braucht.
Abschreckung oder Aufrüstungsspirale?
Selbstverständlich darf man die iranische Führung nicht romantisieren. Das iranische Raketenprogramm ist real, umfangreich und stellt insbesondere für Israel eine erhebliche militärische Bedrohung dar. Iran besitzt weiterhin eines der größten und vielfältigsten Raketenarsenale der Region.
Aber gerade deshalb muss die Frage erlaubt sein, ob permanentes Bombardieren tatsächlich eine langfristige Sicherheitsstrategie darstellt.
Denn wenn nach jedem Krieg lediglich die nächste Generation von Raketen, Bunkern und Luftabwehrsystemen gebaut wird, entsteht keine Sicherheit. Es entsteht eine Aufrüstungsspirale.
Israel rüstet auf.
Der Iran rüstet auf.
Die USA erhöhen ihre Waffenproduktion.
Und anschließend erklären sämtliche Beteiligten, die Aufrüstung der jeweils anderen Seite beweise, wie dringend man selbst noch mehr Waffen benötige.
Ein bemerkenswert effizientes System, jedenfalls für die Rüstungsindustrie.
Dass selbst die amerikanischen Bestände nicht grenzenlos sind, zeigt inzwischen ausgerechnet das Pentagon: Die US-Regierung drängt die heimische Rüstungsindustrie aktuell zu einer schnelleren Produktion wichtiger Waffensysteme und Abfangraketen, nachdem der Konflikt erhebliche Bestände beansprucht hat.
Und wo ist die politische Lösung?
Das ist die entscheidende Frage.
Militärische Anlagen lassen sich zerstören. Technisches Wissen lässt sich wesentlich schwerer bombardieren.
Solange Iran über Ingenieure, industrielle Kapazitäten, Geld und den politischen Willen verfügt, sein Raketenprogramm wiederherzustellen, kann ein Luftkrieg bestenfalls Zeit kaufen. Wie viel Zeit tatsächlich gewonnen wurde, darüber gehen selbst die Einschätzungen weit auseinander.
Und irgendwann müsste Politik eigentlich mehr leisten, als den nächsten Angriff vorzubereiten.
Denn sollte der Iran tatsächlich innerhalb weniger Jahre wieder ein Raketenarsenal aufbauen, das größer ist als vor den Angriffen, müsste man Netanyahu und Trump eine ausgesprochen einfache Frage stellen:
Was genau war dann der strategische Erfolg?
Ein zerstörtes Gebäude ist noch keine Strategie.
Ein verzögertes Raketenprogramm ist noch kein Frieden.
Und ein Gegner, der nach einem Krieg entschlossener aufrüstet als vorher, ist schwerlich der Beweis dafür, dass das zugrunde liegende Problem gelöst wurde.
Vielleicht besteht die eigentliche Lehre dieses Konflikts deshalb ausgerechnet darin, was militärische Macht nicht leisten kann.
Man kann Infrastruktur zerstören.
Man kann Produktionsketten unterbrechen.
Man kann einen Gegner militärisch schwächen.
Aber man kann ein geopolitisches Problem nicht dauerhaft aus der Welt bombardieren.
Und wenn nach all den Angriffen, Milliardenkosten, Toten und Verwüstungen am Ende wieder dieselbe Frage auf dem Tisch liegt wie vorher, nur mit noch mehr Raketen auf beiden Seiten, sollte zumindest die Frage gestattet sein:
War das wirklich Sicherheitspolitik oder lediglich die teuerste Methode, das Problem auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben?
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