Wie der Spiegel Ulrich Siegmund zum Staatsfeind auf dem Titelblatt machte und der vermeintliche Bösewicht daraus kurzerhand eine Autogrammkarte machte
Deutschland steht offenbar am Abgrund. Nicht wegen Wirtschaftsflaute, Energiepreisen, maroder Infrastruktur oder einer politischen Klasse, deren Problemlösungsstrategie zunehmend darin besteht, Probleme möglichst eindrucksvoll zu beschreiben.
Nein.
Die Republik hat einen neuen Endgegner.
Ulrich Siegmund.
Der Spiegel präsentiert den AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt als „gefährlichsten Mann Deutschlands“. Eine Formulierung, die man früher vielleicht für Terroristen, Schwerkriminelle oder international gesuchte Gewalttäter reserviert hätte. Aber das waren offenbar langweilige Zeiten. Heute reicht es, bei einer Landtagswahl ziemlich gute Umfragewerte zu haben.
Und die sind tatsächlich bemerkenswert: Die AfD liegt wenige Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt in Umfragen deutlich vor der CDU.
Da kann einer Redaktion natürlich schon einmal die journalistische Sicherung durchbrennen.
Wenn das Wahlergebnis nicht gefällt, muss wenigstens das Titelbild stimmen
Also wird Siegmund entsprechend inszeniert: düster, bedrohlich, beinahe wie auf einem Fahndungsplakat.
Fehlt eigentlich nur noch:
„Hinweise zum Aufenthaltsort nimmt jede Redaktion entgegen.“
Nur gibt es ein kleines Problem mit dieser Dramaturgie.
Der angeblich gefährlichste Mann Deutschlands scheint sich vor dem Titelblatt ungefähr so sehr zu fürchten wie ein Labrador vor einer Packung Leberwurst.
Siegmund nahm Exemplare des Magazins und signierte ausgerechnet das Cover. Bilder davon kursieren inzwischen öffentlich.
Das muss man erst einmal schaffen: Eine Zeitschrift produziert ein maximal bedrohliches Titelbild über einen Politiker und der Betroffene verwandelt es kurzerhand in Wahlkampf-Merchandise.
Satire hätte Mühe, das besser hinzubekommen.
Herzlichen Glückwunsch zur kostenlosen Wahlwerbung
Besonders hübsch ist dabei der unbeabsichtigte Werbeeffekt.
Man möchte Siegmund offenbar politisch beschädigen und liefert ihm gleichzeitig ein Titelbild, das wahrscheinlich kein Wahlkampfstratege mit noch so viel Geld hätte produzieren können.
Name: groß.
Gesicht: groß.
Aufmerksamkeit: maximal.
Botschaft: Dieser Mann bringt das politische Berlin offenbar derart aus der Fassung, dass eines der bekanntesten Magazine des Landes ihn zum gefährlichsten Mann der Republik erklärt.
Und dann unterschreibt er das Ding auch noch.
Selbst Dietmar Bartsch, nun wirklich niemand, den man verdächtigen könnte, heimlich AfD-Plakate im Keller zu stapeln, bezeichnete den Titel inzwischen als mögliche „Wahlkampfhilfe“.
Das dürfte beim Spiegel ungefähr so erfreulich angekommen sein wie die Nachricht, dass man gerade versehentlich die Werbekampagne des politischen Gegners finanziert hat.
Die große deutsche Medienpanik
Dabei zeigt die Geschichte etwas viel Interessanteres.
Je stärker die AfD in Sachsen-Anhalt wird, desto schriller wird ein Teil der öffentlichen Debatte. Statt sich zunächst mit der unangenehmen Frage zu beschäftigen, warum so viele Bürger diese Partei wählen wollen, wird der Wähler mit immer größeren Warnschildern umstellt.
Gefahr!
Rechtsruck!
Demokratie!
Alarm!
Noch ein Leitartikel!
Vielleicht ändern die Menschen ihre politische Meinung ja beim 738. Warnruf.
Bislang scheint dieses Konzept gewisse Optimierungsmöglichkeiten zu besitzen.
Denn trotz jahrelanger Warnungen, Skandalisierungen und Abgrenzungsrituale steht die AfD in Sachsen-Anhalt derzeit bei Größenordnungen um 40 Prozent.
Man könnte deshalb irgendwann auf die revolutionäre Idee kommen, dass Wähler nicht ausschließlich deshalb wählen, weil ihnen eine Redaktion morgens erklärt hat, was sie zu denken haben.
Gewagt, ich weiß.
Und Siegmund?
Der macht in dieser Situation vermutlich das politisch Klügste, was man tun kann.
Er lacht.
Keine empörte Pressekonferenz. Kein dreiseitiges Beschwerdeschreiben. Kein beleidigtes Herumjammern über die bösen Medien.
Er nimmt das Heft und unterschreibt es.
Damit wird aus der beabsichtigten Anklage eine Trophäe.
„Der gefährlichste Mann Deutschlands“
Mit freundlichen Grüßen: Ulrich Siegmund.
Man kann von Siegmund und der AfD halten, was man will. Aber diese Reaktion besitzt etwas, das im deutschen Politikbetrieb inzwischen ungefähr so selten geworden ist wie ein ausgeglichener Bundeshaushalt:
Gelassenheit gegenüber medialer Empörung.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Gefahr
Vielleicht ist Siegmund deshalb tatsächlich gefährlich.
Nicht für Deutschland.
Sondern für eine politische Kommunikationswelt, die jahrzehntelang daran gewöhnt war, dass bestimmte Etiketten genügten, um jemanden gesellschaftlich zuverlässig in die Ecke zu stellen.
Nur funktionieren diese Etiketten offenbar immer schlechter.
Wenn jemand die maximale mediale Warnstufe bekommt und anschließend grinsend Autogramme darauf schreibt, verliert das Instrument seinen Schrecken.
Und wenn Bürger anschließend trotzdem oder vielleicht sogar gerade deshalb ihr Kreuz bei ihm machen, entsteht für manche Redaktionen ein wirklich beängstigender Gedanke:
Vielleicht besitzen die Leute tatsächlich eine eigene Meinung.
Das wäre allerdings gefährlich.
Am Ende könnten sie sogar anfangen, selbst zu entscheiden, wen sie wählen.
Jeder im Land weiss, wenn Siegmund die absolute Mehrheit zieht – ist es vorbei mit Friedrich Merz.

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