Es gibt Nachrichten, die überraschen einen ungefähr so sehr wie Regen in Schottland.
Ein Easyjet-Flug von Teneriffa nach Liverpool musste umkehren, weil sich rund zehn Passagiere an Bord prügelten. Der Pilot entschied sich nach etwa einer halben Stunde Flugzeit zur Rückkehr nach Teneriffa, weil die Sicherheit an Bord nicht mehr gewährleistet war.
Wer hätte denn mit so etwas rechnen können?
Englische Urlauber. Rückflug von einer spanischen Ferieninsel. Alkohol dürfte auf Teneriffa ja bekanntlich streng verboten sein. Pub-Kultur gibt es in Großbritannien selbstverständlich auch nicht. Und Liverpool ist schließlich weltweit für seine geradezu klösterliche Zurückhaltung bekannt.
Da kann einen eine Massenschlägerei im Flugzeug schon völlig unvorbereitet treffen.
Seit Jahrzehnten genießen britische Sauftouristen einen nahezu legendären Ruf. Ob Mallorca, Ibiza, Magaluf, Prag, Amsterdam oder eben Teneriffa: Überall beeindrucken sie die Einheimischen mit höflichem Auftreten, dezenter Lautstärke und einem Alkoholkonsum, der sich grundsätzlich im Bereich eines Kamillentees bewegt.
Die örtlichen Polizeidienststellen freuen sich jedes Jahr auf die Ankunft dieser kulturellen Botschafter. Krankenhäuser ebenso. Sicherheitsdienste buchen vorsorglich Urlaub, weil mit britischen Partytouristen erfahrungsgemäß ohnehin nie etwas passiert.
Und wenn dann doch einmal zehn Menschen gleichzeitig beschließen, einen Linienflug in eine improvisierte Boxveranstaltung zu verwandeln, dann handelt es sich selbstverständlich nur um ein bedauerliches Missverständnis. Vielleicht wollte man lediglich die Sitzplatzfrage nach den traditionellen Regeln des englischen Faustballs klären.
Für die übrigen Passagiere ist das natürlich ein besonderes Urlaubserlebnis. Andere bezahlen viel Geld für eine Flugshow. Hier gab es das Unterhaltungsprogramm kostenlos. Einschließlich außerplanmäßiger Landung und einer Geschichte, die man zu Hause garantiert weitererzählen kann.
Für Easyjet bedeutet so etwas dagegen erhebliche Kosten. Ein umgeleiteter Flug verursacht zusätzlichen Treibstoffverbrauch, Verspätungen, organisatorischen Aufwand und belastet Crew sowie Flugsicherung. Wegen einer Handvoll Menschen, die den Unterschied zwischen einem Flugzeug und einer Eckkneipe offenbar nicht mehr erkennen konnten.
Vielleicht sollte man künftig vor dem Boarding neben Pass und Bordkarte noch einen kurzen Koordinationstest durchführen. Wer nach zwölf Bier noch rückwärts bis fünf zählen kann, darf einsteigen. Wer stattdessen bereits den Nebenmann zum Sparringspartner erklärt, verbringt die Nacht eben lieber auf Teneriffa.
Die allermeisten britischen Touristen benehmen sich selbstverständlich völlig normal und friedlich. Doch eine kleine, lautstarke Minderheit sorgt seit Jahren dafür, dass der Begriff „britischer Sauftourismus“ international einen bemerkenswert stabilen Wiedererkennungswert besitzt.
Der Flug nach Liverpool endete an diesem Tag jedenfalls dort, wo er begonnen hatte: auf Teneriffa.
Manchmal ist selbst ein Flugzeug der Meinung, dass gewisse Gäste noch nicht bereit für den Heimweg sind.
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