Ein Gesicht, ein Tier oder ein Berg – und plötzlich steckt darin mehr als ein Bild. Die Zeichen der alten Stadt Teotihuacán wirken auf den ersten Blick beinahe wie eine frühe Bildersprache. Forscher legen nun neue Lesungen vor und argumentieren, dass hinter vielen dieser Darstellungen ein richtiges Schriftsystem steckt. Da drängt sich eine augenzwinkernde Frage auf: Waren die Bewohner Teotihuacáns womöglich die Erfinder der modernen Emojis?
Die Antwort lautet: Nein – aber der Vergleich ist reizvoll. Emojis vermitteln meist Gefühle, Gegenstände oder Situationen, ohne selbst eine bestimmte gesprochene Sprache abzubilden. Die Zeichen von Teotihuacán scheinen dagegen Teil eines Systems gewesen zu sein, das Sprache und Bedeutung miteinander verband.
Mehr als dekorative Bilder
Teotihuacán war eine bedeutende Stadt im Zentralmexiko. Ihre monumentalen Bauwerke und Wandmalereien sind weltbekannt. Lange stritten Fachleute jedoch darüber, ob die Zeichen auf Wandbildern, Keramik und anderen Gegenständen tatsächlich eine Schrift bildeten – oder eher religiöse und politische Symbole ohne feste sprachliche Lesung waren.
Die Studie von Magnus Pharao Hansen und Christophe Helmke, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Current Anthropology, vertritt die Position, dass Teotihuacán über ein echtes Schriftsystem verfügte. Die Autoren schlagen vor, dass es eine Sprache aus der uto-aztekischen Sprachfamilie festhielt, die mit den späteren Sprachen Nahuatl, Cora und Huichol verwandt war. Sie bieten neue Lesungen für mehrere Glyphen an.
Dabei konnte ein Zeichen offenbar mehr als eine Funktion haben. Manche Glyphen standen für ein Wort oder einen Begriff; andere konnten nach dem sogenannten Rebusprinzip funktionieren: Das Bild lieferte dann nicht nur eine Bedeutung, sondern auch einen Laut, der zum Schreiben eines anderen Wortes genutzt werden konnte. Die Forschenden beschreiben zudem ein Prinzip, bei dem sprachliche Elemente auf eine besondere Weise doppelt verschriftet werden.
Entschlüsselt – aber noch nicht vollständig
Die zugespitzte Überschrift, die Zeichen seien „entschlüsselt“, sollte nicht den Eindruck erwecken, nun lasse sich jede Wandmalerei in Teotihuacán mühelos vorlesen. Es handelt sich um einen bedeutenden Fortschritt und einen Vorschlag für die Lesung des Schriftsystems, nicht um eine abgeschlossene Entzifferung sämtlicher Zeichen. Auch die mögliche Sprachzuordnung ist eine wissenschaftliche These, die weiter geprüft und diskutiert werden muss.
Ein Bericht der Europäischen Union über das Forschungsprojekt beschreibt das Ergebnis ausdrücklich als Entzifferungsvorschlag: Die Forschenden legen unter anderem eine Kandidatensprache und Lautwerte für 17 Zeichen vor und skizzieren, wie sich die weitere Entzifferung voranbringen ließe. Zugleich heißt es dort, das Ergebnis sei weder endgültig noch vollständig.
Die Emoji-Frage mit einem Körnchen Wahrheit
Waren die Bewohner Teotihuacáns also die ersten Emoji-Erfinder? Historisch wäre das falsch: Ein Emoji ist ein modernes digitales Zeichen, und die Glyphen von Teotihuacán waren offenbar Teil eines sprachgebundenen Schriftsystems. Aber als Scherz funktioniert der Vergleich erstaunlich gut. Beide Formen der Kommunikation nutzen Bilder, um Bedeutung schnell sichtbar zu machen.
Der entscheidende Unterschied: Ein Emoji wie 🙂 kann in einer Nachricht Stimmung anzeigen, doch es übersetzt nicht automatisch einen ganzen Satz in eine bestimmte Sprache. Eine Glyphe aus Teotihuacán konnte dagegen – so die Forschungsthese – in ein komplexeres System eingebunden sein, das Wörter und Laute notierte. Die antiken Zeichen waren also wohl weniger „Smileys auf Stein“ als eine Schrift, deren Regeln wir erst allmählich zu verstehen beginnen.
Der eigentliche Durchbruch liegt deshalb nicht darin, dass plötzlich alle Geheimnisse der Pyramiden gelöst wären. Er liegt darin, dass Teotihuacán zunehmend als Schriftkultur ernst genommen wird – und damit womöglich eines Tages mehr über die Menschen verraten kann, die diese Stadt erbauten und bewohnten.
Quellen
- Magnus Pharao Hansen und Christophe Helmke, „The Language of Teotihuacan Writing“, Current Anthropology (2025): https://doi.org/10.1086/737863
- Europäische Kommission, CORDIS, Forschungsprojekt NaWaTL – Projektbericht und Einordnung des Entzifferungsvorschlags: https://cordis.europa.eu/project/id/840033/reporting
- Cambridge University Press, „Painted Teotihuacan glyphs of Cave 19, Chalcatzingo, Morelos, Mexico“: https://www.cambridge.org/core/journals/antiquity/article/painted-teotihuacan-glyphs-of-cave-19-chalcatzingo-morelos-mexico/536A5E711BB8DFED14BE189F4F1B9259
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