Wenn heute über Ceuta und Melilla gesprochen wird, fällt häufig der Begriff „Kolonien“. Marokko erhebt seit Jahrzehnten Anspruch auf beide Städte und bezeichnet sie als die letzten europäischen Kolonien auf afrikanischem Boden. Spanien weist dies entschieden zurück. Ein Blick in die Geschichte zeigt, warum die Frage bis heute so umstritten ist.
Im Jahr 711 setzte der Berber-General Tariq ibn Ziyad mit seinen Truppen von Nordafrika nach Spanien über. Innerhalb weniger Jahre geriet fast die gesamte Iberische Halbinsel unter muslimische Herrschaft. Erst die Reconquista führte über fast acht Jahrhunderte hinweg zur schrittweisen Rückeroberung Spaniens. Mit der Einnahme Granadas im Jahr 1492 endete diese Epoche.
Bereits 1415, also noch während der Reconquista, eroberte Portugal die Stadt Ceuta von den Meriniden. Die Einnahme gilt als Auftakt des portugiesischen Zeitalters der Entdeckungen. Melilla fiel 1497 an Kastilien, nur wenige Jahre nach dem Ende der Reconquista.
Als Portugal 1640 seine Unabhängigkeit von Spanien zurückerlangte, entschied sich Ceuta freiwillig für den Verbleib unter der spanischen Krone. Der Vertrag von Lissabon von 1668 bestätigte diesen Status endgültig. Seitdem gehört Ceuta ununterbrochen zu Spanien. Auch Melilla blieb dauerhaft unter spanischer Verwaltung.
Ein häufig übersehener Aspekt der Debatte ist, dass weder Ceuta noch Melilla jemals Bestandteil des heutigen unabhängigen marokkanischen Staates waren. Das moderne Königreich Marokko entstand erst 1956 nach dem Ende des französischen und spanischen Protektorats. Daraus leitet Spanien bis heute das Argument ab, dass es sich nicht um ehemals marokkanisches Staatsgebiet handelt.
Warum hält Spanien dennoch so entschlossen an den beiden Städten fest?
Die Antwort liegt nicht nur in der Geschichte, sondern vor allem in ihrer strategischen Bedeutung. Ceuta liegt unmittelbar an der Straße von Gibraltar, einer der wichtigsten Seeverbindungen der Welt. Täglich passieren Hunderte Handelsschiffe und zahlreiche Kriegsschiffe die schmale Meerenge zwischen Atlantik und Mittelmeer. Wer dort dauerhaft präsent ist, verfügt über erheblichen politischen und militärischen Einfluss.
Hinzu kommt die Gibraltar-Frage. Spanien fordert seit Jahrhunderten die Rückgabe Gibraltars von Großbritannien, das die Halbinsel seit dem Vertrag von Utrecht 1713 kontrolliert. Würde Madrid Ceuta oder Melilla freiwillig an Marokko abtreten, würde dies die eigene Position im Streit um Gibraltar erheblich schwächen. Es wäre schwer zu begründen, warum Spanien Gibraltar zurückfordern sollte, gleichzeitig aber auf eigene historische Besitzungen verzichtet.
Aus spanischer Sicht bilden Ceuta, Melilla und Gibraltar daher ein geopolitisches Gesamtbild. Die beiden Städte sind nicht nur historisches Erbe, sondern auch wichtige Bestandteile der nationalen Sicherheitsstrategie.
Ob Ceuta und Melilla als Kolonien oder als historisch gewachsene Bestandteile Spaniens bezeichnet werden, bleibt letztlich eine politische Bewertung. Historisch steht jedoch fest, dass ihre Verbindung zur iberischen Halbinsel mehrere Jahrhunderte älter ist als der moderne marokkanische Staat. Gerade deshalb dürfte Spanien einen Verzicht auf Ceuta und Melilla auf absehbare Zeit kategorisch ausschließen.
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