Der Westen kann noch so oft erzählen, die Welt dieses Krieges lasse sich sauber in Gut und Böse sortieren: hier die Ukraine, die sich ausschließlich verteidigt, dort Russland, von dem angeblich jede Eskalation, jede Gefährdung von Zivilisten und jede Überschreitung einer Grenze ausgeht. Krieg als moralisches Kinderbuch, nur leider mit Raketen, Drohnen und echten Toten.
Nun liefert Wolodymyr Selenskyj selbst Anlass, dieses bequeme Bild einmal gründlich zu hinterfragen.
Und man muss sich angesichts seiner jüngsten Äußerungen tatsächlich fragen, was inzwischen in Kiew vor sich geht. Hat Selenskyj, wie viele Menschen immer wieder behaupten, sich tatsächlich das Hirn vollgekokst, oder verliert er angesichts eines seit Jahren andauernden Krieges zunehmend jedes vernünftige Maß für Eskalation und Risiko?
Das ist keine medizinische Diagnose und auch keine Tatsachenbehauptung über Drogenkonsum. Es ist die zugespitzte Frage, die sich angesichts einer Politik stellt, bei der inzwischen sogar die Sicherheit der zivilen Luftfahrt zum Bestandteil der Kriegsrhetorik wird.
Selenskyj erklärte Anfang September, der russische Luftraum werde durch die zunehmende Zahl ukrainischer Drohnen immer unsicherer und dadurch faktisch geschlossen. Zugleich betonte er, die Ukraine bedrohe kein einziges ziviles Flugzeug.
Und genau da beginnt die Absurdität.
„Wir greifen euch nicht an, aber sicher ist der Himmel trotzdem nicht“
Was soll eine internationale Fluggesellschaft aus einer solchen Botschaft eigentlich machen?
Sinngemäß lautet sie: Wir wollen eure Passagiermaschinen selbstverständlich nicht abschießen. Allerdings werden wir immer mehr militärische Drohnen durch denselben Luftraum schicken, weshalb ihr dort besser nicht mehr herumfliegen solltet.
Beruhigend ist ungefähr anders.
Wer militärische Drohnen in großer Zahl in einen Luftraum schickt, der gleichzeitig von Passagiermaschinen genutzt wird, schafft Risiken für Menschen, die mit diesem Krieg überhaupt nichts zu tun haben.
Man kann über Angriffe auf militärische Ziele diskutieren. Man kann über Waffenfabriken, Flugplätze, Raffinerien und militärische Nachschublinien diskutieren. Und selbstverständlich besitzt ein angegriffener Staat ein Recht auf Selbstverteidigung.
Aber aus diesem Recht folgt kein Freibrief für jede Form der Kriegführung.
Seit wann gehört die zivile Luftfahrt zur psychologischen Kriegführung?
Denn hier geht es nicht mehr allein darum, ein bestimmtes militärisches Ziel auszuschalten.
Wenn Fluggesellschaften, Versicherungen und Passagiere damit rechnen sollen, dass der russische Luftraum wegen ukrainischer Drohnen zunehmend unsicher wird, bekommt die Gefährdung des Luftverkehrs selbst eine strategische Wirkung.
Und spätestens dann muss man fragen:
Ist die Unsicherheit des zivilen Luftverkehrs inzwischen Bestandteil des politischen Drucks auf Russland?
In diesen Maschinen sitzen schließlich keine Panzerdivisionen.
Dort sitzen Familien, Geschäftsreisende, Kinder und Touristen. Menschen aus Russland ebenso wie aus China, Indien, der Türkei, den Vereinigten Arabischen Emiraten und zahlreichen anderen Staaten.
Sie sind keine Kriegsparteien.
Lawrence Wilkerson reagiert mit maximaler Härte
Der pensionierte US-Armeekolonel Lawrence Wilkerson interpretierte Selenskyjs Aussagen genau in diesem Sinne und reagierte geradezu vernichtend.
Er bezeichnete Selenskyj als wahnsinnig und erklärte sinngemäß, dieser gehöre in psychiatrische Behandlung. Anschließend ging Wilkerson allerdings selbst weit über jede vertretbare Grenze hinaus, indem er sogar von einer Liquidierung Selenskyjs sprach.
Letzteres ist keine politische Kritik mehr, sondern eine Gewaltfantasie.
Aber man muss Wilkersons Entgleisung nicht übernehmen, um seine zugrunde liegende Frage ernst zu nehmen:
Wie verantwortungslos darf die Eskalation dieses Krieges noch werden?
Die Ukraine ist kein moralischer Sonderrechtsraum
Genau hier liegt eines der grundlegenden Probleme der westlichen Debatte.
Dass Russland 2022 die Ukraine großflächig angegriffen hat, bedeutet nicht, dass anschließend jede ukrainische Handlung automatisch richtig, verhältnismäßig oder ungefährlich wäre.
Ein angegriffener Staat kann Fehler machen.
Ein angegriffener Staat kann eskalieren.
Ein angegriffener Staat kann internationales Recht verletzen.
Und selbstverständlich kann auch ein angegriffener Staat Zivilisten gefährden.
Eigentlich sind das Binsenweisheiten. Im Ukrainekrieg muss man sie inzwischen offenbar eigens aussprechen, weil Teile der politischen Debatte seit Jahren versuchen, aus einem Krieg eine moralische Disney-Produktion zu machen.
Die einen tragen den schwarzen Hut, die anderen den weißen.
So funktioniert Krieg nicht.
Die Erinnerung an MH17 müsste eigentlich genügen
Gerade dieser Krieg müsste allen Beteiligten vor Augen geführt haben, welche Folgen militärische Operationen in einem von Zivilflugzeugen genutzten Luftraum haben können.
Beim Abschuss von Malaysia-Airlines-Flug MH17 über der Ostukraine im Jahr 2014 starben 298 Menschen.
298 Menschen, die mit dem Konflikt nichts zu tun hatten.
Und genau deshalb ist jede weitere Vermischung von zivilem Luftverkehr, Drohnenkrieg, Flugabwehr, elektronischer Kriegführung und GPS-Störungen brandgefährlich.
Eine Passagiermaschine kann nicht rechts ranfahren, wenn plötzlich eine Drohne auftaucht.
Eine Flugabwehrbesatzung hat möglicherweise Sekunden, um ein Objekt zu identifizieren.
Ein technischer Fehler, eine falsche Identifizierung oder eine Fehlfunktion genügt.
Danach liegen 200 oder 300 Leichen auf dem Boden und sämtliche Kriegsparteien erklären der Welt, dass sie selbstverständlich nichts dafür können.
Und wenn tatsächlich ein Passagierflugzeug abstürzt?
Genau diese Frage müsste man Selenskyj stellen.
Was geschieht, wenn irgendwann tatsächlich ein Verkehrsflugzeug in Zusammenhang mit einem ukrainischen Drohnenangriff abstürzt?
Was passiert, wenn russische Luftabwehr während eines massiven ukrainischen Drohnenangriffs ein ziviles Flugzeug falsch identifiziert?
Was passiert, wenn eine Drohne mit einer Passagiermaschine kollidiert?
Wer übernimmt dann die Verantwortung?
Kiew?
Moskau?
Die Fluggesellschaft?
Oder war am Ende wieder niemand verantwortlich, weil im Krieg bekanntlich jeder nur reagiert und niemals selbst eskaliert?
Krieg kennt keine „guten“ Drohnen
Eine russische Drohne mit Sprengstoff ist gefährlich.
Eine ukrainische Drohne mit Sprengstoff ist ebenfalls gefährlich.
Sprengstoff bekommt keine moralischen Eigenschaften dadurch, dass man die richtige Flagge daraufklebt.
Und ein ziviles Flugzeug wird nicht dadurch weniger gefährdet, dass das militärische Flugobjekt in seiner Nähe von der Seite gestartet wurde, die westliche Regierungen unterstützen.
Deshalb sollte man endlich aufhören, jede ukrainische Eskalation reflexartig moralisch weichzuzeichnen.
Selenskyj darf kritisiert werden.
Seine Regierung darf kritisiert werden.
Die ukrainische Kriegführung darf kritisiert werden.
Und wenn der ukrainische Präsident selbst verkündet, der russische Himmel werde wegen ukrainischer Drohnen zunehmend unsicher, dann darf man verdammt noch einmal fragen, ob dieser Mann noch jedes Maß für die möglichen Konsequenzen dieser Strategie besitzt.
Ob man deshalb Wilkersons drastische Wortwahl übernimmt, ist eine andere Frage.
Aber eines ist sicher:
Zivile Passagiermaschinen haben in militärischen Eskalationsspielen nichts verloren.
Und wer einen Himmel gezielt immer stärker mit Kampfdrohnen füllt und anschließend Fluggesellschaften erklärt, dieser Himmel werde nun eben unsicher, sollte sich nicht wundern, wenn irgendwann jemand die Frage stellt:
Wie weit soll dieser Irrsinn eigentlich noch gehen?
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